Rodney Graham, Dance!!!!, 2008 © Rodney Graham

Rodney Graham, Dance!!!!, 2008

„Dance“ mit vier Ausrufungszeichen lautet der Titel dieses Leuchtkastens von 2008. Was auf den ersten Blick heiter erscheint, enthüllt sich bei genauerer Betrachtung als bösartige Szenerie. Ein älterer Herr in einem etwas mitgenommenen Anzug samt Zylinder vollführt mit gequältem Gesichtseindruck unfreiwillig komisch anmutende Luftsprünge – nicht aus Lebensfreude, sondern aus Angst um Leib und Leben. Denn ein rowdyhafter Cowboy zielt unablässig mit seiner Pistole auf die Füße des alten Mannes, der gezwungen ist, mit seinem Gehopse diesen Schüssen auszuweichen. Ein zweiter Cowboy klimpert dazu lässig am Klavier und beobachtet mit sadistischem Blick das Geschehen.

Schauplatz ist ein Saloon, dessen Möblierung nur schemenhaft im Dämmerlicht der dunkeltonigen Braun-in-Braun-Farbigkeit erkennbar ist. Umso akzentuierter sind dagegen die Figuren, ihre Gesichter und Hände ausgeleuchtet und damit ihr Handeln und ihre Emotionen betont.

Dieser Leuchtkasten ist einer der wenigen, in denen Rodney Graham nicht allein, sondern zusammen mit weiteren Figuren agiert. Aber auch hier entwickelte er ein narratives Szenenbild, das dem Betrachter die Möglichkeit zu vielfältigen Assoziationen bietet.

Die unmittelbare Inspiration zu diesem Sujet entstammt, wie es oft bei Graham der Fall ist, aus der Welt des Films. Hier bezieht er sich auf den ersten amerikanischen Western der Filmgeschichte, auf den nur zwölf Minuten dauernden Film „Der große Eisenbahnraub“ von 1903 in dem eine ähnliche Szene vorkommt, die seitdem in vielen Western aufgegriffen wurde. Interessant daran ist, dass gar nicht bekannt ist, ob dieses grausame Ritual auch in Wirklichkeit mit Neuankömmlingen, den Greenhorns und Dudes, im Wilden Westen durchgeführt wurde, oder ob es sich lediglich um eine Erfindung des Films handelt.

Diese Spannung zwischen Realität und Fiktion wird bei Rodney Graham deutlich betont: Bis ins letzte Detail wie eine Sequenz aus einem Westernfilm inszeniert und ausgeleuchtet, ist das dargestellte Thema im Kern seiner Aussage überaus realistisch, zeitlos und jedem Betrachter geläufig: Es geht um das Verhältnis von Gut und Böse, von Opfer und Täter. Diese Polarität, eingekleidet in eine historische Szenerie, ist auch heute nach wie vor aktuell - wobei in der Realität die Grenzen in der Regel fließend sind und eher selten – wie hier im Leuchtkasten-Diptychon oder im Hollywoodfilm – so eindeutig auszumachen ist, wer welche Rolle spielt.

Durch das monumentale Format erscheinen die Figuren lebensgroß und der Betrachter hat das Gefühl direkt in das Geschehen mit einbezogen zu sein, denn keine Saloontür, keine Theke bildet eine Barriere zwischen uns und den Protagonisten im so realistisch erscheinenden Bild. Auf diese Weise wird der Betrachter fast gezwungen über seine Reaktion auf dieses grausame Tun nachzudenken. Wie würde er sich als Akteur in dieser Situation verhalten: als vermeintlicher Held auftreten und die Gewalt möglicherweise mit Gegengewalt beantworten oder aus Angst und Selbstschutz eher das Weite suchen? Solche Gedankenspiele auf Seiten des Betrachters sind vom Künstler beabsichtigt und auch er stellt autobiografische Bezüge her. Für ihn ist der unfreiwillig tanzende Mann, in dessen Rolle er geschlüpft ist, auch eine Metapher des Künstlerdaseins und des damit verbundenen Drucks zur Selbstdarstellung. Das schießwütige Verhalten des Bösewichts, das auf Englisch als „trigger-happy“ bezeichnet wird, ist für Graham ebenfalls ein faszinierender Begriff, der mit vielen Konnotationen verknüpft werden kann. Und auch eine Bezugnahme zur Kunstgeschichte lässt sich herstellen: Deutlich erinnert die Arbeit in Komposition, Farbigkeit und Lichtregie an Wirtshausszenen der niederländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts, etwa von Adriaen Ostade oder Adriaen Brouwer.

Ein weiterer Aspekt der in „Dance !!!!“ vor Augen geführt wird, die sadistische Lust an der Erniedrigung des Wehrlosen und Schwächeren, hat einen überaus ernsten Hintergrund. So hat Rodney Graham im Interview mit dem SWR erwähnt, dass ihn der Folterskandal im Gefängnis von Abu-Ghuraib während der Besetzung des Iraks durch die USA dazu angeregt habe, sich mit diesem Themenkreis zu beschäftigen.

 

Jenny Dopita

Mitarbeiterin im Team Kunstvermittlung