Camille Henrot, Untitled (11 Animals that Mate for Life), 2016, Fresco, steel, 205 x 155 x 7 cm, KÖNIG GALERIE, Berlin / London

Zurück zur Natur?

Salon Berlin

13. April - 18. August 2018

Neue Natur – Optimierter Mensch? Die Digitalisierung fordert ihren Tribut, das Anthropozän hat längst begonnen – und Gott ausgedient: Der Mensch designt seinen Lebensraum, sein Körper wird zum modularen Baukasten. Wenn sich jetzt der Mensch selbst als Schöpfer seiner eigenen Realität erlebt, wie wird es ihm vor diesem Hintergrund gelingen, seine eigene Lebendigkeit zu kultivieren und die Verbindung zwischen allem Leben auf unserem Planeten lebendig zu erhalten, so wie es einst der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) für unser Verständnis von Natur formuliert hat? 

Von der Rückwendung zur Ästhetisierung bis zur futuristischen Vision: Die aktuelle Ausstellung im Salon Berlin reflektiert die verschiedensten künstlerischen Strategien, die uns unsere aktuelle Entfremdung von der Natur und von uns selbst erfahren lassen. Künstlerinnen wie Camille Henrot oder Laure Prouvost suchen in Zeiten von Digitalisierung zeitgemäße Zugänge zur Natur – die Sehnsucht nach einer Wiedervereinigung, nach einer Idealisierung spricht aus ihren Werken, in denen eine sinnliche, fast kindliche Erfahrung mitschwingt. Sissel Tolaas’ Geruchsatlas, ein olfaktorisches Archiv von Meeresgerüchen, verbindet uns in einer von Gerüchen überlagerten Welt mit Erinnerungen an das Meer und kündet zugleich von der Fragilität sowie den historischen, kulturellen und geografischen Besonderheiten unserer Weltmeere. Tue Greenfort formuliert ein entschiedenes Bekenntnis zur Natur und zur Verstrickung allen Lebens jenseits von Dichotomie, in dem er ihr ästhetisches Potential selbst aus dem wissenschaftlichen Zugang zu ihr herauskitzelt. Timur Si-Qin avanciert in seinen digital gerenderten Landschaften der neuen New Peace-Serie (2017) ein Konzept der Immanenzphilosophie. Der Serie unterliegt ein von ihm formuliertes „Protokoll“, um den eigenen Platz in der Weite von Zeit und Raum zu verstehen, eine Mystik für eine Welt im Griff des Anthropozäns und die somit tiefgreifenden Veränderungen unterlegen ist. Dahingegen bietet uns David LaChapelle einen spekulativen Blick in die Zukunft. Seine vom tropischen Regenwald überwucherten Tankstellen, die wie künstliche Settings von Mystery-Filmen wirken, zeigen menschliche Architekturen, die in einer post-humanen Zukunft vergessen sein würden. Die Virtual Reality-Arbeit The Bridge (2017) von Nikita Shalenny nimmt uns mit in eine Endzeitwelt, in der schemenhafte Silhouetten nackter Menschen durch geisterhaft leere Landschaften, abgestorbene Wälder und vorbei an verlassenen Ölpumpen um ihr Leben laufen. Auch Tim Eitels Figuren auf einem Boot steuern nicht mehr auf eine morbid-romantische Insel, sondern ins Nichts und gleichzeitig auf eine Wand zu. Beide Werke erinnern heute unweigerlich an globale Herausforderungen wie die aktuelle Flüchtlingskrise, repressive totalitäre Systeme und die voranschreitende Zerstörung der Umwelt. Der Maler Flavio de Marco nimmt uns noch einmal mit auf eine Reise durch Landschaften einer digitalisierten Welt, in der unsere Wahrnehmung durch omnipräsente Screens, Filter und stereotype Images geprägt ist, während Authentizität und die Aura eines Originals an Bedeutung verlieren. 

Und durch dieses Szenario wandert geradezu heroisch der zeitlose Mensch, so wie wir ihn in Georg Baselitz’ Bilderwelt erfahren können, und behauptet sich kämpferisch gegen die Entfremdung von der Natur, die er nachwievor als seine Heimat wähnt.

Zurück zur Natur? ist die erste Ausstellung, die Teil eines fortlaufenden interdisziplinären Workshops ist, der sich mit der Frage beschäftigt, welchen Beitrag Kunst im Kontext von gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Debatten leisten kann.  In Zusammenarbeit mit Parley for the Oceans finden im Salon Berlin eine Serie von Konversationen statt, die die Notwendigkeit eines komplexeren Naturverständnisses diskutieren.

Salon Berlin; Foto Roman März

Museum Frieder Burda I Salon Berlin

Im Herbst 2016 hat das Museum Frieder Burda im Zuge des Generationswechsels den „Salon Berlin“ in einem der vitalsten Kunstviertel der Hauptstadt eröffnet. Eng mit dem Museum in Baden-Baden verbunden, ist der Salon mehr als ein Projekt- und Schauraum, der das Museumsprogramm und die Sammlung des Mutterhauses begleitet und vermittelt. Unter der kuratorischen Leitung von Patricia Kamp wurde in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße ein Ort des Austausches und der Diskurse geschaffen, der sich der Förderung und Vermittlung neuer künstlerischer Ausdrucksformen verschreibt. In wechselnden Ausstellungen werden hier einzelne, herausragende Positionen der Sammlung Frieder Burda in ein dynamisches Spannungsfeld mit aktueller Gegenwartskunst gebracht. 

Als Forum für internationale Gegenwartskunst nutzt der Salon Berlin die Expertise eines der erfolgreichsten Privatmuseen Deutschlands, um in Berlin zeitgenössische Positionen in herausfordernden Kontexten und Kombinationen zu präsentieren. So traten hier bereits junge Künstlerinnen wie Alicja Kwade oder Nathalie Djurberg mit Werken von Sigmar Polke oder Willem de Kooning aus der Sammlung Frieder Burda in Dialog. Für jede Ausstellung werden thematische und ästhetische Konzepte erarbeitet, die die visuelle Gestaltung des Salons und auch das Rahmenprogramm prägen.

Der Salon Berlin möchte mit seinen thematisch und ästhetisch erarbeiten Ausstellungsformaten Grenzen überschreiten. Er will nicht nur dringliche Positionen vorstellen, sondern durch die Kunst intellektuelle und emotionale Anstöße geben, um notwendige Visionen für eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln. 

Information

Kontakt

MUSEUM FRIEDER BURDA | Salon Berlin

Auguststraße 11-13
10117 Berlin

Tel.: 0049 (0) 30 240 47404
E-Mail: salon(at)museum-frieder-burda.de

Öffnungszeiten

Do - Sa, 12.00 - 18.00 Uhr

Ansprechpartner

Leitung: Patricia Kamp

Büroleiterin Salon Berlin / Assistentin der künstlerischen Leiterin:

Sophie Mattheus

 

 

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