Sigmar Polke, Amerikanisch-Mexikanische Grenze (Detail), 1984, ©The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

DECONSTRUCTING BORDERS

Sigmar Polke / Alicja Kwade

3. Februar - 17. Juni 2017

Mit der Moderne beginnt eine Ära ungeheurer Entgrenzung und Beschleunigung von Mobilität, Produktion, Handel und Kommunikation. Scheinbar mühelos überqueren wir heute Grenzen und Zeitzonen. Doch bereits in der Postmoderne prophezeit Paul Virilio ein paradoxes Endstadium dieser Entwicklung: den "rasenden Stillstand". Durch die digitale Kommunikation, bei der Bilder in Echtzeit übertragen werden, droht der Mensch in Regression zu verfallen. Reglos starrt er auf den flimmernden Bildschirm, der es ihm ermöglicht, simultan jederzeit und überall „dabei“ zu sein. Doch letztendlich führt dies zu einer geschichtslosen Augenblicklichkeit“, zu einem komaähnlichen Zustand, den der französische Philosoph als „mediale Ghettoisierung“ kennzeichnet. Vom Computer oder Smartphone verfolgen wir die Aktivitäten unserer Freunde in sozialen Netzwerken, Reality-Shows, die neuesten US-Serien ebenso wie Kriege, Flüchtlingsströme, den Zerfall und die Neuordnung politischer Systeme.

Parallel zur großen Schau SIGMAR POLKE. ALCHEMIE UND ARABESKE im Museum Frieder Burda, Baden-Baden, vereint der Salon Berlin in der AusstellungDECONSTRUCTING BORDERS ausgewählte Werke Sigmar Polkes aus verschiedenen Jahrzehnten mit einer skulpturalen Arbeit der Berliner Künstlerin Alicja Kwade. Auf ganz unterschiedliche Weise thematisieren beide Künstler kritisch den Begriff der Grenze.

Den Ausgangspunkt des von Patricia Kamp kuratierten Projektes bildet Sigmar Polkes fluoreszierendes Gemälde Amerikanisch-Mexikanische Grenze, das 1984 entstand. In der von ihm seit den 1960er Jahren eingesetzten Rastertechnik transformiert Polke ein Zeitungsbild von illegalen mexikanischen Migranten, die versuchen, den Metallzaun in Richtung USA zu überwinden, in eine flirrende Komposition. Während die neongelbe Farbe wie giftige Säure wirkt, durchschneiden Rasterpunkte und das Gittermuster des Zaunes die Bildebenen. Polkes Gemälde erscheint angesichts der aktuellen Pläne des neuen US-Präsidenten Donald Trump, eine Mauer entlang der 3141 Kilometer langen Südwestgrenze der USA zu Mexiko zu errichten, beinahe prophetisch. Zugleich verzichtet Polke auf die emotionale Aufladung des Themas. Mit seiner ironischen Vermischung von Politik und Pop hält er Distanz und hinterfragt stattdessen die Wirkung medialer Bilder und die Haltung des Betrachters.

In unseren „postfaktischen“ Zeiten, in denen der Ruf nach Abschottung und Ausgrenzung global lauter wird, versteht sich DECONSTRUCTING BORDERS als Anstoß, innere und äußere, sichtbare und unsichtbare Grenzen zu überdenken. Polkes Gemälde Interieur (1966), auf dem sich die repräsentativen Stilmöbel in Rasterpunkten zersetzen, ist ein Angriff auf die bürgerliche Selbstgefälligkeit. Seine zu Schlieren zerlaufenden „Hütten“ (1999) wirken wie der kühle Abgesang auf die Idee von geschützten Rückzugsorten, ebenso wie die „Eisberge“, die auch für soziale, ökologische oder emotionale Aggregat zustände stehen könnten, die dahinschmelzen, sich auflösen. Die manipulierten Fotokopien signalisieren, dass wir uns mit beidem auseinandersetzen müssen: der Ideologie von Medienbildern und dem Ende unserer so lange als selbstverständlich betrachteten Komfortzonen.

Während Sigmar Polke (1941-2010) in seiner Malerei sichtbare Grenzen und Abgrenzungen zersetzt, materialisieren sich in dem Werk von Alicja Kwade (*1979) unsichtbare Grenzen. Ihre Skulptur Reality Zones (2016) besteht aus Metallringen, die den Grenzlinien der globalen Zeitzonen nachempfunden sind. Die Ringe wiederum sind von Westen nach Osten miteinander verbunden und fallen wie eine fragile Kette zu Boden. Die Standardisierung von Zeit dient der Vereinfachung von grundlegenden Abläufen in Handel , Recht, Verkehr und Kommunikation, die die globale Gesellschaft zusammenhalten. Schaut man jedoch genauer hin, sind auf Kwades Zeitzonenringen immer wieder Einbuchtungen und Winkel zu erkennen, die Ländergrenzen markieren. Zeit ist also auch eine Frage der Geopolitik. Mit ihrer poetisch-politischen Arbeit dekonstruiert Kwade die Realität und hinterfragt die Berechtigung dieser Konventionen.

Salon Berlin; Foto Boris Kralj

Museum Frieder Burda I Salon Berlin

Der Salon Berlin ist der neue Schau- und Projektraum des Museum Frieder Burda. Eng mit dem Museum in Baden-Baden verbunden, stellt der Salon Berlin unter der kuratorischen Leitung von Patricia Kamp die vielfältigen Aspekte des Museumsprogramms und der Sammlung Frieder Burda vor. Dabei versteht  sich der Ausstellungsraum ebenso als Forum für internationale Gegenwartskunst. Er ist zugleich Schaufenster und Experimentierfeld des Museum Frieder Burda.

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Aus einem persönlichen Gespräch zwischen Frieder Burda und Patricia Kamp, erschienen in DER WELT am 15.10. 2016. Das Gespräch führten Swantje Karich und Hans-Joachim Müller.

Wie kann es in Baden-Baden weitergehen, nachdem so viele große Namen auf dem Programm standen?

Frieder Burda: Ich habe mein Museum vor 15 Jahren gegründet.  ... Ein Museum muss aber leben,  muss Leute interessieren. ... Wir müssen neue Wege einschlagen. Trends vorgeben und nicht nur Bilder zeigen.

Patricia Kamp: Das Schöne ist, dass ich verstehe, was Du möchtest. Gleichzeitig kann ich natürlich auch nichts machen, wohinter ich nicht 100-prozentig stehe. Wenn es nicht eine authentische Ausstellung, ein authentisches Programm ist, dann ist es verfehlt.

Frieder Burda: Das ist richtig und gut. Wenn Patricia mit einem jungen Künstler kommt, den sie sehr gut findet, dann kaufen wir auch seine Arbeiten, ob ich sie gleich verstehe oder nicht. Ich vertraue ihr.

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Mit aktuellen Themenausstellungen, Einzelpräsentationen und Events tritt der Salon Berlin in Dialog mit der vitalen Kunstszene der Metropole. Seine Eröffnung belebt eine große Tradition in der Hauptstadt – in zeitgemäßer Form an einem geschichtsträchtigen Ort inmitten eines der vitalsten Kunstquartiere der Stadt.

Der Salon, das war bis in die Goldenen Zwanziger ein intellektueller Freiraum, der die unterschiedlichsten Menschen zusammenbrachte: Die Avantgarde traf auf den Adel, der Banker auf den Bohémien. Gerade in Berlin war es das liberale jüdische Bürgertum, das ihm seinen legendären Ruf verlieh. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Geist der Salons endgültig ausgelöscht. In der Jüdischen Mädchenschule  möchte das Museum Frieder Burda an diesen Geist anknüpfen. Als Treffpunkt für Künstler, Sammler und Kunstbegeisterte ist der Salon Berlin ein Ort des Austausches und der Diskurse.

Information

Kontakt

MUSEUM FRIEDER BURDA | Salon Berlin

Auguststraße 11-13
10117 Berlin

Tel.: 0049 (0) 30 240 47404
E-Mail: salon@museum-frieder-burda.de

Öffnungszeiten

Do - Sa, 12.00 - 18.00 Uhr

Ansprechpartner

Leitung: Patricia Kamp

Managerin Programme und Partner: Johanna Chromik