Interview: Was der Film über Simon Hantaïs Kunst erzählt
Was geschieht mit einer Leinwand, wenn sie gefaltet, verknotet und bemalt wird? Und wie viel von dem, was später sichtbar ist, hat der Künstler selbst in der Hand?
Der Dokumentarfilm von Jean-Michel Meurice zeigt Simon Hantaï bei der Arbeit in seinem Atelier. Wir sehen, wie er mit großen Leinwänden ringt, Farbe aufträgt und seine Bilder entfaltet. Dabei spricht er über seine Kunst, seine Kindheit in Ungarn und die Gedanken, die ihn beim Malen begleiten.
Dr. Daniel Zamani, Direktor des Museum Frieder Burda, und Nathalie Somville vom Kino moviac sprechen über diese seltenen Einblicke, die körperliche Arbeit hinter den scheinbar schwerelosen Bildern und darüber, wie der Film den Blick auf die Ausstellung „Entfaltung der Farbe. Simon Hantaï“ in Baden-Baden verändert.
Das Gespräch führte Jennifer Düing.

Ihr nähert euch aus zwei unterschiedlichen Richtungen, einmal über den Film und einmal über die Ausstellung und die Werke. Bekommt man dadurch einen unterschiedlichen Zugang zu Hantaï?
Nathalie Somville: Definitiv. Ich sage meinen Gästen immer: Geh erst ins Museum und schau dir mit offenem Blick ganz unvoreingenommen die Ausstellung an. Dann kommst du zu mir ins Kino und guckst den Film und erfährst, wie das alles gemacht wurde. Und ich garantiere dir, danach gehst du nochmal in die Ausstellung. Wenn jemand sagt: „Kunst, da kann ich nichts mit anfangen“, dann sage ich: Okay, dann guckst du dir erst bei mir den Film an und dann bist du so neugierig, dass du hinterher in die Ausstellung gehst.
Daniel Zamani: Ich finde es schön an dem Film, dass man wirklich beim Arbeiten zuschaut. Man sieht, wie viel Individuelles, Persönliches, Emotionales in diesem Werk drin ist, das auf den ersten Blick abstrakt und kühl erscheinen kann. Man bekommt automatisch ein viel besseres Verständnis für die Technik. Man kann Stunden versuchen zu erklären, wie Hantaï seine Bilder gefaltet und geknotet hat. Wenn man es einfach sieht, im Entstehen, hat man einen viel besseren Zugang zu den Arbeiten.
Hantaï faltet und knotet die Leinwand und bemalt die zugänglichen Stellen. Das vollständige Bild sieht er erst beim Entfalten. Wie viel Zufall steckt darin und wie viel Kontrolle?
Daniel Zamani: Das spielt im Film schon auch eine Rolle. Er beschreibt seine Vorgehensweise und man sieht, wie er die Arbeiten fertigstellt. Es gibt mehrere Stellen, bei denen er die Tabulas am Ende aufbricht. Es ist für ihn auch eine Art Jungfrauengeburt, jedes Bild. Und der Zufall war ihm ganz wichtig.
Nathalie Somville: Ich glaube, dass Hantaï bei Pollock das bewundert hat, was er selbst dann schon fast noch konsequenter gemacht hat: den künstlerischen Prozess auf einen rein handwerklichen Prozess runterzubrechen. Im Film wird sogar gesagt, es braucht gar kein Talent dafür. Das finde ich ziemlich krass. Er hat so viel Intellekt in diese einfache Tätigkeit gepackt, dass es schon kaum mehr fassbar ist.
Daniel Zamani: Ich glaube, insgesamt ist für Hantaï die Faltung eine Möglichkeit gewesen, Malerei neu zu denken, nachdem Pollock mit seinen Drippings die normale Malerei ans Ende gebracht hat. Interessant ist für mich, dass er in diesen verschiedenen Serien die Faltung immer wieder so neu gestaltet, dass er zu ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen findet.
Am Anfang denkt man, das Werk ist eigentlich die Farbe. Aber je weiter es geht, desto mehr ist es das Weiß. Warum wird für Hantaï das Weiß irgendwann so wichtig wie die Farbe?
Daniel Zamani: Was Hantaï irgendwann merkt, ist, dass das Weiß die Farbe mehr leuchten lässt. In dem Sinn ist es auch nicht unbedingt ein Negativraum, sondern ein Spielpartner der Farbe. Ganz wichtig wird das Weiß in der Werkreihe der Meuns. Da setzt er das Weiß als Spielpartner ganz konsequent in den Études fort und auch in den Tabulas. Für die Ausstellung war mir wichtig, dass der weiße Umraum der Architektur die Arbeiten aktiviert. Da gibt es eigentlich kein besseres Gebäude als unseren schönen Richard-Meier-Bau.
Nathalie Somville: Ich glaube, dass es schon fast etwas Spielerisches hat zwischen Weiß und Farbe. Man sieht ihn im Atelier, wie er die Tabulas beschreibt. Er erzählt das fast kindlich: Guck mal, wenn man das so macht, dann kommt das dabei raus. Ich glaube, da ist noch so ein bisschen Spielkind dabei. Ich hätte ihn sehr, sehr gerne kennengelernt.
Im Film sieht man Hantaï schwitzen. Seine Arbeit ist absolut körperlich. Wie hängt das mit den Werken zusammen?
Nathalie Somville: Die Leinwand wird zum Material, das sagt er wörtlich. Er betrachtet sie nicht mehr als eine Fläche, auf der er sich irgendwie künstlerisch verwirklichen kann, sondern das Material spricht zu ihm und tritt in Interaktion. Er will den künstlerischen Prozess auf ein Handwerk reduzieren, das jeder auch ohne Talent ausführen kann. Ich habe es, als ich den Film übersetzt habe, selber gemacht. Einfach, um zu spüren, was er dabei empfindet und richtig übersetzen zu können, was er dazu sagt.
Daniel Zamani: Es ist eine Kunst, die man nachmachen kann, die etwas vermeintlich Einfaches hat, aber natürlich auch in der Tradition von hochexperimenteller und sehr anspruchsvoller Abstraktion steht. Was ich interessant finde, ist diese große Liebe zu seiner Mutter und die Identifikation mit der sehr einfachen Herkunft. Auf der einen Seite sucht er dieses Mechanisch-Handwerkliche, auf der anderen Seite ist Kunst für ihn spirituell und im erweiterten Sinne auch immer religiös.
Was macht den Film selbst besonders?
Nathalie Somville: Wir sehen Hantaï, wie er malt. Und er erzählt uns in dem Moment, was ihm durch den Kopf geht. Wir erfahren live, welche Gedanken in die Kunst geflossen sind, die jetzt hier hängt. Da ist nichts aufgesetzt, nichts gespielt, nichts erfunden, nichts geskriptet.
Daniel Zamani: Ich finde es gut, dass wir den Film nicht in der Ausstellung gezeigt haben, wie wir das am Anfang gedacht haben. Er ist wahnsinnig intelligent gemacht, weil sich vieles auf natürliche Art und Weise ergibt. Man versteht viel mehr, weil es einem nicht von oben herab erklärt wird, sondern man muss es irgendwie selbst zusammenstückeln. Auch die Art und Weise, wie dann die Kinder im Hintergrund Musik machen, beispielsweise. Das schwingt einfach mit.
Wenn jemand zum ersten Mal ein Werk von Hantaï sieht, was würdet ihr dieser Person für den ersten Besuch mitgeben?
Nathalie Somville: Gar nichts. Reingehen, gucken. Da bin ich radikal, was Kunst angeht. Und wenn ich in mir selber das Bedürfnis verspüre, mehr zu wissen, dann kann ich mir einen Audioguide holen, einen Katalog angucken oder jemanden fragen.
Daniel Zamani: Ich mache das genauso. Reingehen, gucken. Es langt das Hinschauen und einen emotionalen Zugang finden. Spannend ist natürlich, was sich alles noch mehr ergibt, weil bei Hantaï so viele verschiedene Schichten drin sind. Ich habe meinen ersten Hantaï als Teenager in Paris gesehen und mich sofort in seine Arbeiten verliebt. Es war eine violette Étude.
Was sollte man zum Schluss über den Film noch sagen?
Daniel Zamani: Ich glaube, dieses Am-Boden-Arbeiten war ihm nicht nur praktisch wichtig. Das war auch so ein Ankommen im eigenen Körper und Nicht-abheben-Können. Wie er im Studio schwitzt, vor sich hinwerkelt, diese Nähe zum Werkzeug: Das macht ihn für mich menschlich sympathisch. Man versteht ihn als Künstler, aber man hat auch sofort einen emotionalen Zugang.
Nathalie Somville: Man macht sich keine Vorstellung, wie schwer so eine große Leinwand, die hier so schwebt an der Wand, eigentlich ist. Wenn man den Film sieht, dann weiß man das. Das ist genau der Kontrast: Boden, riesiges Ding, schwer, Schweißarbeit. Und an der Wand hängt ein hochdekoratives, total leicht wirkendes, schon fast ätherisches, spirituelles Werk.

Ausstellung und Film
„Entfaltung der Farbe. Simon Hantaï“ ist bis zum 10. Januar 2027 im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen. Und ab 17 Uhr mit unserem Feierabendticket für 8 €. Tickets sind an der Museumskasse oder Online erhältlich.
Im Sommer 1976 drehte Jean-Michel Meurice den Dokumentarfilm „Simon Hantaï ou Les Silences rétiniens“ in dessen Haus in Meun bei Fontainebleau, wo der Künstler seit Ende der 60er Jahre mit seiner Familie lebte. Der Film zeichnet ein intimes Porträt des französisch-ungarischen Malers Simon Hantaï (1922–2008) und konzentriert sich auf dessen Schaffensprozess, insbesondere auf seine revolutionäre Falttechnik, die er Ende der 1950er Jahre entwickelte. Die Kamera fängt nicht nur die körperliche Anspannung seiner Arbeit ein, sie zeigt auch seine ständige mentale Auseinandersetzung mit dem entstehenden Werk und zelebriert natürlich die endgültige Enthüllung der farbenfrohen Motive.
Sprache: Französisch, für die Vorführung im moviac wurde der Film mit deutschen Untertiteln versehen.
Informationen und Tickets zu den Filmvorführungen im Kino moviac.