Gregory Crewdson, Untitled (Summer Rain), ‘Beneath the Roses’, 2004, digitaler Pigmentdruck. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © Gregory Crewdson Courtesy Gagosian

THE VOID

Gregory Crewdson – Isa Genzken – Chris Jordan

9. Februar – 23. März 2019

Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bäume: doch wer sich vor meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhänge unter meinen Zypressen. Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

Düstere Straßen und einsam stehende Häuser, kaum ein Mensch unterwegs. Die im wahrsten Sinne des Wortes „un-heim-lichen“ Bilder des amerikanischen Fotografen Gregory Crewdson (geb. 1962) aus der Serie „Beneath the Roses“ könnten einem alten Hitchcock-Film in bester Hollywood-Manier entnommen sein. Wie in diesen werden die Orte und Szenen zu Spiegeln der Seele – und einer bedrückend empfundenen Leere des Daseins. Das Haus als Behausung der suchenden, einsamen Seele, geheimnisvoll und beklemmend: Crewdson inszeniert seine großformatigen Bilder mit höchstem cineastischem Aufwand und lässt die Abgründe hinter den alltäglichen Fassaden, ihren zart leuchtenden Fenstern, verhalten durchschimmern. Was geschieht wohl im Inneren der Häuser, werden hier die allseits bekannten Leichen produziert, die immer und überall im Keller schlummern? Crewdsons Vater war Psychotherapeut, die Dinge, die den Menschen umgeben als Ausdruck des Inneren zu lesen, in die Tiefen der Seele einzutauchen und die Prozesse des Unterbewussten sichtbar zu machen, war dem Künstler schon früh vertraut. Jenseits der versöhnlichen Oberflächen funktionieren seine Bilder daher als perfekt inszenierte Metaphern für Ängste und Sehnsüchte.

Die Melancholie – oder medizinisch ausgedrückt – die Depression ist seit jeher mit dem Existenz - und Empfindungskanon des Künstlerischen verbunden. Aus ihr und dem Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und Seins speist sich die Kreativität, die Dialektik von Leiden und Schaffen, die im Mythos des Genies kulminiert. Seit Dürers Melancholia weiss man, dass diese eine der besten Freundinnen des Künstlers, ja nicht selten sein Alter ego ist. Von der Romantik des einsamen Menschen bei Caspar David Friedrich über die eingekapselten modernen Großstadtmenschen bei Eduard Manet bis hin zur Desillusionierung des American Dream bei Edward Hopper: Oft genug wird dabei in der Stilisierung des produktiven Klischees die verhängnisvolle Nähe zum klinischen Krankheitsbild verdrängt. Dabei hatte schon die antike Medizin ganz klar ihren anatomischen Befund diagnostiziert: Die schwarze Galle.

Wer allein heute die Medienschlachten um spektakuläre Prominenten-Suizide im Bannkreis von Einsamkeit und Rausch, Depression und Abhängigkeit liest, kann nur ahnen, wie weit verbreitet das Phänomen bis heute in allen Gesellschaftsschichten ist. Wer in seinem persönlichen Lebensumfeld nachspürt, ahnt, dass die „Krankheit zum Tode“ vielleicht weit verbreiteter denn je ist. Gleichwohl wird das depressive Leiden nach wie vor stigmatisiert – oder eben mythisch stilisiert. Wie aber könnte ein zeitgemäßer Umgang mit dem Thema aussehen? Ob nun der schwarzen Galle zugeschrieben oder als schwarzen Hunde verklärt, wie Winston Churchill seine Depressionen bezeichnete: Die Düsternis der Seele ist Thema der aktuellen Ausstellung im Salon Berlin des Museum Frieder Burda. Neben Werken von Gregory Crewdson aus der Sammlung präsentiert sie auch Arbeiten der Berliner Künstlerin Isa Genzken (geb. 1948), ebenfalls aus eigenem Besitz. Zugleich befragt das Ausstellungsprojekt aber auch das Verhältnis des traditionsreichen künstlerischen Topos zur gesellschaftlichen Realität.

Der Horror Vacui als Bildmotiv findet sich auch bei Isa Genzken. Ihr Werk spielt immer mit Fragen der (In-)Stabilität, der drohenden Haltlosigkeit, der lauernden Leere. Das Material Beton ist hermetisch, der Blick aus dem Fenster führt ins Nichts, die Rose blüht – und ist – aus einem Aluminiumsockel hervorwachsend – gleichzeitig für immer im emotionalen Moment erstarrt. Gerade die Rose wird so zu einem fragil erscheinenden Spiegel der Künstlerin selbst – schließlich wurde sie 1948 als „Hanne-Rose Genzken“ geboren. Wie ein roter Faden ziehen sich übergroße Blumen – Symbole von Liebe und Zuneigung – seit 25 Jahren durch ihr Werk. Manifestationen des Einfachen, Poetischen, Menschlichen – aber auch Bedürftigen.

Nicht weniger das Fenster-Motiv, mit dem sich Genzken ebenso über viele Jahre beschäftigt hat: Es besteht aus zwei Betongussteilen und ist unverglast. Isa Genzken hat selbst gesagt: „Jeder Mensch braucht mindestens ein Fenster“ als eine Öffnung zum Licht, als Verbindung zur Außenwelt. Und doch spiegelt auch das Motiv des Fensters die Widersprüche der Seele: Jeder Mensch sieht in die Welt durch das, was er in sich trägt. Das Fenster als Motiv steht somit für die Reflexion der eigenen Existenz und Erfahrung. Zugleich ist die Leere, in die er dabei schauen mag, auch ein Raum der Möglichkeiten, aus dem Neues entstehen und Bedeutsames geschaffen werden kann. Denn die Leere ist die Schwester der Kreativität.

Als weitere Position schließt der amerikanische Fotograf und Umwelt-Aktivist Chris Jordan (geb. 1963) den Kreis. Virtuos fängt er die melancholischen Momente in einer menschenleeren Natur ein, die vom Menschen auch in seiner Nicht-Anwesenheit bedroht ist. Dazu hat er ein urwald-artiges Waldterrain in Böhmen in großformatige Fotografien gebannt. So stehen dem Betrachter jeder einzelne Baum in seiner ganzen Individualität wie ein Lebewesen, wie ein Spiegel seines Selbst gegenüber und erhebt stumme Anklage als Ausdruck seines Gefährdetseins. Hinter jedem Stamm lauern vermeintlich Tod, Vergehen und Leere – und zugleich bestechen ihre Erhabenheit und Unvergänglichkeit. Eine Mischung aus Traurigkeit, Schönheit und Ehrfurcht spricht aus den Bildern – und zugleich die harte Realität: Das zerbrechliche Ökosystem ist längst in Gefahr, aus dem Gleichgewicht zu fallen.

Die künstlerische Leiterin des Salon Berlin, Patricia Kamp, über das Projekt: „Die ausgestellten Werke von Gregory Crewdson, Isa Genzken und Chris Jordan kreisen auf unterschiedlichste Weise um die Leere und nicht zuletzt um das Thema der Menschlichkeit. Dabei haben die Arbeiten die Fähigkeit, dieses aufgeladene Nichts im Kopf des Betrachters zu aktivieren – um sich beim Betrachten und Erleben von Kunst als Teil eines größeren Ganzen zu fühlen. Was auch immer die Gestalt der Leere ist, ihr Bild hat die Kraft, den Betrachter hineinzuziehen, sein ganzes Wesen aufzunehmen und von innen heraus zu transformieren.“

 

Das Projekt TALK! des Fotografen Tom Wagner – gemeinsam mit Freunde fürs Leben e.V.

The Void ist die jüngste einer Reihe von Ausstellungen und Workshops im Salon Berlin, die sich der kuratorischen Aufgabe widmen wie künstlerische Ausdrucksformen zu sozialen, politischen und ökologischen Debatten beitragen können. Im Rahmen der Ausstellung findet daher auch ein Panel-Gespräch Anfang März und eine Präsentation einer Auswahl an Arbeiten der Initiative TALK! statt. Das Projekt wurde von dem Fotografen Tom Wagner und Freunde fürs Leben e.V., einem Verein, der mit kreativen Projekten über die Themen Depression und Suizid aufklären möchte, ins Leben gerufen. Die Gründer des Vereins, Diana Doko und Gerald Schömbs, haben noch im letzten Jahr für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Ein wichtiger Schritt für TALK!, denn das Ziel der Initiative ist es, die Themen Depression und Suizid auf die gesundheitspolitische Agenda der Bundesregierung zu setzen. Schließlich gibt es immer noch keine nationale Aufklärungskampagnen zum Thema Depression oder Suizid, und das obwohl – so stellt der Tagesspiegel fest und zitiert dabei eine Bilanz der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention – in Deutschland jährlich mehr Menschen durch Suizid sterben als durch Verkehrsunfälle, Alkoholmissbrauch, Aids und Raubüberfälle zusammen. Der Fotograf Tom Wagner hat dazu zeitgenössische Künstler portraitiert und anschließend aufgefordert, ihre Portraits zu gestalten und jenen Teil ihrer Persönlichkeit preiszugeben, über den zu sprechen oft schwer fällt. Uli Aigner, Pola Brändle, Tom Grundmann, Jeppe Hein, Chris Jordan, Michal Kosakowski, Michel Lamoller, Sarah Lüdemann, Daniella Midenge und Maximilian Magnus, Jaybo Monk, Markus Neufanger, Veronika Olma, Marek Polewski, Annina Roescheisen, Diana Sprenger, Melissa Steckbauer, Michael Streun, Mathias Vef und zahlreiche weitere Künstler haben sich so bereits mit ihrem Portrait auseinandergesetzt. 

Salon Berlin; Foto Roman März

Museum Frieder Burda I Salon Berlin

Le Salon Berlin est le nouvel espace de projets et d’expositions du Musée Frieder Burda situé à la Auguststraße 11 - 13 à Berlin . Étroitement lié au musée de Baden-Baden et placé sous le commissariat de Patricia Kamp,  le Salon Berlin présente les multiples aspects du programme du musée et de la Collection Frieder Burda. Tout à la fois vitrine et champ d’expérimentation du Musée Frieder Burda, il  entend  également être un forum d’art contemporain international.

Information

Contact

MUSEUM FRIEDER BURDA | Salon Berlin

Auguststraße 11-13
10117 Berlin

Tel.: 0049 (0) 30 240 47404
E-Mail: salon(at)museum-frieder-burda.de

Horaires

Jeudi - Samedi, 12.00 - 18.00 Uhr

We are currently closed for installation of our upcoming exhibition THE VOID opening on Friday, February 4th, 2019

Personne de contact

Directrice artistique: Patricia Kamp

Office Manager Salon Berlin / Assistant to the Artistic Director:

Sophie Mattheus