Rodney Graham, Torqued Chandelier Release, 2005
35-mm-Film in Farbe, eigens angefertigter Projektor
Auflage 3 + 1, 5 Minuten, in Endlosschleife, ohne Ton
© Rodney Graham

Rodney Graham, Torqued Chandelier Release, 2005

Videofilme bilden neben den Lightboxes einen weiteren wichtigen Schwerpunkt im Werk von Rodney Graham. In der Ausstellung wird exemplarisch eine Videoarbeit von 2005 präsentiert. Ähnlich wie in den Lightboxes entwickelt Graham auch in seinen Filmen nicht nur das Konzept, sondern tritt auch meist selbst als Schauspieler in den unterschiedlichsten Rollen auf. In unserem Video hat er jedoch einem Kronleuchter den Part des Hauptdarstellers überlassen.

Wir sehen im Film einen funkelnden elektrisch beleuchteten Kronleuchter an dem eine Vielzahl von Tropfen und Perlenketten aus Glas hängen. Dieser Kronleuchter dreht sich im dunklen, unbestimmten Raum minutenlang um die eigene Achse, bis er immer langsamer wird und schließlich zur Ruhe kommt. Danach wird er wieder in Bewegung gesetzt.

Die Inspiration zu diesem Projekt stammt nicht wie sonst häufig bei Graham aus der Literatur, der Film- oder der Kunstgeschichte, sondern aus den Naturwissenschaften. Isaac Newtons grundlegende Überlegungen über Raum, Zeit und Bewegung bilden den unmittelbaren Ausgangspunkt zu Grahams Film. Newtons bahnbrechende Schlussfolgerungen führten ihn zu der Annahme, dass Raum und Zeit absolut sein müssen. Damit wurde er zum Begründer der klassischen Physik, seine Thesen wurden erst durch Einsteins Relativitätstheorie und dessen Vorstellungen von einer dynamischen Raumzeit ersetzt.

Newton gelangte unter anderem mithilfe des sogenannten Eimer-Experiments zu seinen Erkenntnissen. Dazu befestige er einen mit Wasser gefüllten Eimer an einem Seil und zwirbelte es auf. Als er das Seil dann losließ, beobachtete er die Rotationsbewegung ganz genau: Zunächst bewegt sich nur der Eimer, dann fängt auch das Wasser an sich mitzudrehen. Bedingt durch die Zentrifugalkräfte und die Erdanziehung bildet sich auf der Wasseroberfläche eine kleine konkave Einbuchtung, eine Kuhle. Hält man den Eimer an, rotiert das Wasser noch eine Weile weiter, obwohl der Eimer sich nicht mehr bewegt. Die Bewegung des Wassers kann also bei bewegtem als auch bei unbewegtem Eimer beobachtet werden. Als Bezugspunkt scheidet der Eimer somit aus. Newtons Lösung dieses Problems war die Annahme des absoluten Raums als Bezugssystem, in dem sich die Bewegung schlüssig beschreiben lässt.

Dieses physikalische Experiment wird in Grahams Film in eine poetische visuelle Erfahrung übersetzt. Statt des prosaischen Wassereimers wird ein opulenter Kronleuchter gewählt, dessen funkelnde Lichtreflexionen das Erlebnis der schwindelerregenden, die Sinne verwirrenden Drehbewegung zusätzlich steigert und intensiviert.

Graham beschreibt seinen Film „als bebildertes Gedankenexperiment, das vergängliche Lichteffekte auf einer einzigen Filmrolle dokumentiert“. Der Filmprojektor ist Teil der Arbeit, denn an ihm wurden spezielle Veränderungen vorgenommen. Um die Deutlichkeit des Motivs zu erhöhen, wurde der Film mit doppelter Geschwindigkeit aufgenommen und wird auch doppelt so schnell abgespielt. Das ratternde Geräusch des unablässigen Abspulens der Filmrolle bildet eine Analogie zur Drehbewegung des Leuchters im Film, der selbst ohne Ton aufgenommen wurde. Statt des für ein Kino üblichen Querformats, entschied sich Graham für ein hochrechteckiges Format, das ihm besser für das Motiv des Kronleuchters geeignet schien.

Ebenso bieten sich noch weitere Assoziationen an: Die hellen Lichtreflexe, das Aufleuchten des Lichts steht auch generell für Newtons Epoche der Aufklärung, die auf Englisch mit „Enlightenment“ bezeichnet wird und veranschaulichen ebenso den sogenannten Gedankenblitz, die plötzliche Erkenntnis während des Denkprozesses.

Jenny Dopita