{"id":2279,"date":"2026-09-04T17:43:43","date_gmt":"2026-09-04T15:43:43","guid":{"rendered":"https:\/\/preview.museum-frieder-burda.de\/ausstellung\/annette-kelm\/"},"modified":"2026-09-23T16:20:19","modified_gmt":"2026-09-23T14:20:19","slug":"annette-kelm","status":"publish","type":"ausstellung","link":"https:\/\/www.museum-frieder-burda.de\/en\/ausstellung\/annette-kelm\/","title":{"rendered":"ANNETTE KELM"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><\/figure>\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n\n\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In ihrer Fotografie adaptiert Annette Kelm (*1975) h\u00e4ufig Stile und Genres \u2013 Stillleben, Objekt-, Architektur- und Landschaftsfotografie \u2013, deren Konventionen sie bewusst unvollst\u00e4ndig erf\u00fcllt. Indem sie fotografische Formen der Repr\u00e4sentation in Bezug auf ihre semantische Aufladung des Gezeigten befragt, nisten sich subtile Bedeutungs-ambivalenzen in die Darstellung ein, und die gezeigten Dinge scheinen vertraut und distanziert zugleich \u2013 die Aneignung wird zum Kommentar. Dies gilt auch f\u00fcr ihre Auseinandersetzung mit dem Thema der nationalsozialistischen B\u00fccherverbrennungen: In ihrer aktuellen Ausstellung Die B\u00fccher im Salon Berlin des Museum Frieder Burda setzt sie eine Auswahl jener B\u00fccher ins Bild, die ab 1933 als \u201eundeutsch\u201c verfemt wurden. Sie w\u00fcrdigt diese als \u201e\u00dcberlebende\u201c, die die Zeit \u00fcberdauert haben und denen stellvertretend f\u00fcr ihre Verfasser*innen eine wichtige Rolle in der kollektiven Erinnerung zukommt. Annette Kelms k\u00fcnstlerisches Interesse gilt dabei dem liberalen, aufkl\u00e4rerischen und gro\u00dfst\u00e4dtisch gepr\u00e4gten Zeitgeist, aus dem heraus die B\u00fccher entstanden, aber auch ihrer Umschlaggestaltung, in der sich die Avantgarde der 1920er und 1930er spiegelt. Denn k\u00fcnstlerisch gestaltete Schutzumschl\u00e4ge, die Ende des 19. Jahrhunderts aufkamen und mit der so genannten Buch-kunstbewegung zu gro\u00dfer Bedeutung gelangten, griffen die Formensprache des Expressionismus, Konstruktivismus, des Bauhaus und Dada auf, arbeiteten mit Fotomontagen und experimentierten mit innovativer Typografie. Auch diese \u00c4sthetik der Moderne sollte durch das nationalsozialistische Regime ausgel\u00f6scht werden. Annette Kelm arbeitet mit ihrer Arbeit nun gegen das Ausl\u00f6schen und Vergessen.       <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum historischen Hintergrund der nationalsozialistischen B\u00fccherverbrennungen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 10. Mai 1933 verbrannten nationalsozialistische Studenten rund 30.000 B\u00fccher auf dem ehemaligen Opernplatz mitten in Berlin: politische Literatur, wissenschaftliche B\u00fccher, Romane und Gedichte, selbst Kinderb\u00fccher. Die Liste der Autor*innen umfasst viele bekannte Namen, aber auch solche, die seitdem aus dem kulturellen Ged\u00e4chtnis verschwunden sind. Die Verbrennung und anschlie\u00dfende Verbannung der B\u00fccher markiert die Gleichschaltung der \u00f6ffentlichen Meinung und der Universit\u00e4ten und ging einher mit der konsequenten Verfolgung Andersdenkender, insbesondere j\u00fcdischer Schriftsteller*innen und Intellektueller. Else Lasker-Sch\u00fclers \u201eHebr\u00e4ische Balladen\u201c, Erich K\u00e4stners Kinderbuch \u201eDas verhexte Telefon\u201c, Stefan Zweigs Roman \u201eDer Fl\u00fcchtling\u201c, Oskar Maria Grafs \u201eNotizbuch des Provinzschriftstellers\u201c oder Alfred D\u00f6blins \u201eBerlin Alexanderplatz\u201c \u2013 alle diese Werke standen auf der Liste \u201edes sch\u00e4ndlichen und unerw\u00fcnschten Schrifttums\u201c.    <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Annette Kelms fotografische Auseinandersetzung mit dem Thema<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kelms Fotografien dieser B\u00fccher folgen einer dezidiert sachlichen \u00c4sthetik und zeigen die B\u00fccher \u2013 es handelt sich um Ausgaben aus der Zeit zwischen 1913 und 1944 \u2013 einzeln als flacher Gegenstand, frontal abgelichtet, vor neutralem Hintergrund. Dieser konzeptuelle Ansatz, die hohe Bildsch\u00e4rfe und das neutrale Licht verleihen den Covern eine weit \u00fcber das Dokumentarische hinausgehende Pr\u00e4senz. Die Betonung des Faktischen vermeidet eine symbolische Aufladung. Stattdessen tritt die kulturelle und ideologische Bedeutung der Publikationen in den Vordergrund. Die Ausrichtung an formalen Kriterien und der Verzicht auf alles Erz\u00e4hlerische betont zudem die \u00dcbersetzung des Gegenstandes in den zweidimensionalen Raum der Fotografie: Das Buch wird Bild. Die auf dem Prinzip der Serie basierenden Aufnahmen heben das Fotografische als Produktion von Zeichen und Bildern dezidiert hervor. Im Stil klassischer Objektfotografie reproduziert, scheinen die B\u00fccher von Raum und Zeit befreit. Gerade das aktualisiert sie und \u00fcberwindet die historische Distanz: Indem sie aus der Geschichte heraustreten, richtet sich der Fokus auf die politische Bildsprache, die \u00c4sthetik der Moderne und den sozialkritischen Impetus vieler Cover.       <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt kein Archiv der verfemten B\u00fccher, das hier fotografiert worden w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kelm hat mit verschiedenen privaten und \u00f6ffentlichen Sammlungen gearbeitet. Es geht auch nicht um Vollst\u00e4ndigkeit. Ihre Bilder sind vielmehr reduzierte und zugleich formalisierte Kompositionen, in denen Sehen und Lesen im Sinne einer Zuweisung von Bedeutung ineinander fallen. Auch in der 2019 \/ 2020 entstandenen Serie Die B\u00fccher ist der Blick auf die historischen Artefakte sachlich und l\u00e4dt das Gesehene mit einer Bedeutung auf, die auch in unserem Wissen \u00fcber sie liegt. Es sind Abstraktionen, bei denen etwas verschwindet und an anderer Stelle als visueller \u00dcberschuss hinzutritt. Der pr\u00e4zise fotografische Blick auf das Buch und seine Gestaltung steht damit stellvertretend f\u00fcr die damals verfolgten Autor*innen und l\u00e4sst uns gleicherma\u00dfen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Repr\u00e4sentation von Geschichte und der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nachdenken, wenn wegen des Verschwindens der Zeitzeug*innen Objekte f\u00fcr die Erinnerung immer wichtiger werden.     <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den R\u00e4umlichkeiten des Salon Berlin des Museum Frieder Burda, in den Klassenzimmern der ehemaligen j\u00fcdischen M\u00e4dchenschule gewinnen Kelms Fotografien zus\u00e4tzliche Pr\u00e4gnanz, wenn sie in der Architektur einen Resonanzraum finden, der seinerseits an die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Patricia Kamp, k\u00fcnstlerische Leiterin des Salon Berlin: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Artikulation rassistischen Gedankenguts einer Minderheit ist in Deutschland unertr\u00e4glich laut geworden. Umso mehr f\u00fchlen wir uns im Salon Berlin \u2013 an diesem spezifischen Ort j\u00fcdischen Kulturerbes \u2013 dazu herausgefordert, aktiv unsere Stimme zu erheben: um den gesellschaftlichen Dialog zu f\u00f6rdern und um gleichzeitig gemeinsam und entschlossen gegen Rassismus und Hass, Antisemitismus und Gleichg\u00fcltigkeit und f\u00fcr mehr Menschlichkeit, Vielfalt und Toleranz Stellung zu beziehen.\u201c Und weiter: \u201eAnnette Kelms Arbeiten, und insbesondere die hier gezeigte Serie Die B\u00fccher, schaffen einen einzigartigen Resonanzraum, in dem nicht nur wichtige Dialoge stattfinden k\u00f6nnen, sondern in dem auch klar wird, dass es nie ein Ende des Erinnerns geben darf.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Fotografien haben die Ma\u00dfe 52 x 70 cm und sind 2019\/2020 entstanden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer Fotografie adaptiert Annette Kelm (*1975) h\u00e4ufig Stile und Genres \u2013 Stillleben, Objekt-, Architektur- und Landschaftsfotografie \u2013, deren Konventionen sie bewusst unvollst\u00e4ndig erf\u00fcllt. 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