DIE SONNE UM MITTERNACHT SCHAUEN
KATHARINA SIEVERDING
28. 8. 2021 — 9. 1. 2022
Vom Mikroskopischen zum Makroskopischen: Die Referenzen in ihrem Werk sind komplex. Der medizinisch-sezierende Blick ihres Vaters, eines Radiologen, hat den ihrigen geschärft und zugleich geöffnet für die technischen Möglichkeiten ihres Mediums. Vom Theater kommend, hat sie verstanden, wie Bilder an der Wand einen ganzen Raum definieren können, der so unmittelbar und überwältigend wirkt wie die Kulisse einer Bühne oder die Leinwand eines Kinos. Und damit zugleich einen introspektiven Blick in imaginative Innenwelten ermöglicht. Ihre nicht selten mit plakativen Schlagzeilen versehenen Bilder im Schwarz-Weiß-Modus mit einem leuchtenden Rot als Signalfarbe spiegeln mediale und kommerzielle Manipulationsstrategien und hinterfragen sie zugleich – nicht von ungefähr hat die Künstlerin immer wieder bewusst die musealen Räume verlassen und die direkte Öffentlichkeit im urbanen Außenraum gesucht. Und ihre frühe sehr reflektierte Rolle in einer vor allem als Männerbündnis wirkenden Düsseldorfer Kunstszene hat sie sensibilisiert für die Frage nach eigener Individualität und Identität, nach Geschlecht, seiner Geschichte und ihren Bedingungen – und vor allem nach den fließenden Übergängen und den prozesshaften Transformationen zwischen all diesen Kategorien.
Das Museum Frieder Burda zeigt nun in Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg eine umfangreiche Übersichtsausstellung der Künstlerin und spannt dabei einen Bogen durch alle Werkphasen der Künstlerin: Von Videoarbeiten vom Ende der 1960er-Jahre über die bildgewaltigen Selbstporträt-Serien der 1970er bis 1990er-Jahre bis hin zu gegenwärtigen Produktionen. Diese umfassen auch neue Arbeiten wie das aktuelle Werk Gefechtspause, das sich mit dem Lockdown während der Corona-Krise beschäftigt. Mit der Ausstellung von Katharina Sieverding schließt das Haus an die Reihe von monografischen Ausstellungen fotografiebasierter Positionen wie die von Gregory Crewdson, Andreas Gursky, Rodney Graham sowie des Street Art Künstlers JR an, die immer auch die Inszenierungsmöglichkeiten und große Bandbreite des technischen Mediums gegenüber der Malerei ausgelotet haben. – Die Ausstellung wird kuratiert von Udo Kittelmann in Zusammenarbeit mit Katharina Sieverding.