Architektur

Die besten Werke der Moderne beschäftigen sich konsequent mit architektonischen Prinzipien und Idealen. Moderne Malerei fragt nach den Strukturen von Malerei, moderne Skulptur nach dem Zusammenhang von Kunst und Raum. Entsprechend untersucht die moderne Architektur, wie sich Licht zum Raum und zum menschlichen Maß verhält. Alle künstlerischen Gattungen entziehen sich damit dekorativen, illustrativen oder sentimentalen Anforderungen. Das revolutionäre Potenzial der Moderne zeigt sich vor allem in solchen Werken, die kompromisslos Technik an die Stelle der Illusion setzen. Das Museum für die Sammlung Frieder Burda ist ein modernes Bauwerk etwas anderen Zuschnitts. Es ist zwanglos mit einer malerischen Gartenanlage verbunden und liegt fußgängerfreundlich an einem Ort von besonderer Ausstrahlung und menschlichen Dimensionen.

Der Entwurf sah ein neues Museum für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts vor, das sich in die einzigartige Parklandschaft an der Lichtentaler Allee einfügen und gleichzeitig in seinen Proportionen mit der angrenzenden Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden harmonieren sollte. Große Anstrengungen wurden unternommen, um möglichst viele Bäume auf dem Areal zu erhalten, damit sich das Museum Frieder Burda wie selbstverständlich in die umliegende Natur eingliedern konnte. Form, Linienführung und Abmessungen des neuen Gebäudes korrespondieren in ihrer Gesamtheit mit den Geschosshöhen und dem Giebel der neoklassizistischen Kunsthalle, wobei beide Institutionen ihre eigene architektonische Identität behalten.

Man betritt den sorgsam in den majestätischen Baumbestand der Lichtentaler Allee eingebetteten dreigeschossigen Museumsbau durch einen Haupteingang, der östlich zum zentralen Fußweg durch den Park liegt. Im ersten Stock verbindet eine gläserne Brücke das Gebäude mit dem Erdgeschoss der Kunsthalle. Diese Brücke ist behutsam darauf abgestimmt, den Charakter der vorhandenen Kunsthalle so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Das Museum Frieder Burda versteht sich als eigenständiges Museum und zugleich als partnerschaftliche Ergänzung der Kunsthalle. Deshalb lässt sich die gläserne Verbindung zwischen den Gebäuden öffnen und schließen. Ein tief gelegener Außenhof umfasst das Gebäude an der Südfassade und betont auf ungewohnte Weise die Anbindung des Museums an die umliegende Landschaft der ruhigen, friedlichen Lichtentaler Allee

Der eintretende Besucher geht durch ein lichtes Atrium, den Lobby- beziehungsweise Empfangsbereich, zu einer großzügigen querliegenden Rampenanlage, die sich über vier Geschosse erstreckt und mit der Brückenverbindung zur Kunsthalle einen Stock darüber auf einer Achse liegt. Zusammen mit dem angrenzenden Aufzug gewährt die Rampe Zugang zu einem zweiten großen, über der Halle im Erdgeschoss liegenden Galerieraum sowie zu zusätzlichen Ausstellungsräumen im Untergeschoss und im Mezzanin, von dem aus man den Eingangsbereich überblickt. Die große Rampe gibt historisch und formal gesehen vor allem das Motiv einer Spiralsequenz. Ich möchte diese Rampe jedoch eher als ein Ereignis an sich betrachten, eher ein malerisches als ein sequenzielles Element im räumlichen Ganzen. Ich hoffe, die Besucher werden den Parcours durch das Gebäude als einen eigenen Rhythmus aus Bewegung und Ruhe erleben. Der Gang durch das Gebäude soll nämlich immer dort durch Stoppeffekte und Gegenachsen unterbrochen werden, wo die Schräge der Rampe auf den Zugang zu einem Galerieraum trifft.

Das Licht fällt durch Glaswände, die mit Sonnenblenden versehen sind, in die klar und geradlinig gehaltenen weißen Ausstellungsräume ein. Der obere Ausstellungsraum, der mit der Rampenanlage durch eine Brücke verbunden ist, bietet Ausblicke in den umliegenden Park und auf die tiefere Ebene. Die Lufträume in den oberen Etagen und die Wandvorsprünge der tieferen Galerie lassen natürliches Licht auch in das untere Stockwerk einfallen. Gesteuertes natürliches Lichte ist in den meisten Ausstellungsräumen vorhanden und demonstriert, in wie unterschiedlicher Weise sich die Raumerfahrung auf die Betrachtung der Kunst auswirken kann. Mithilfe von Lamellen an der Südfassade lässt sich die Lichtmenge regulieren, die zu den unterschiedlichen Tageszeiten in die Galerieräume einfällt.

Frieder Burda ist ein passionierter und engagierter Sammler zeitgenössischer Kunst. Sein Blick und sein Bewusstsein sind so geprägt, dass die Liebe zur Kunst und die Liebe zum Betrachten von Kunst zu einem integralen Bestandteil seines Lebens geworden sind. Seine Leidenschaft für Malerei und Skulptur ist regelrecht ansteckend. Deshalb ist es für mich eine große Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten, um ein Kunstwerk, ein Architekturwerk zu schaffen, in dem der Besucher Kunst und Raum gleichermaßen wahrnimmt und diese einzigartige Sammlung mit Kunst der letzten hundert Jahre in einer harmonischen Umgebung erlebt.

Reichtum und Bedeutung der Sammlung Frieder Burda fügen den Arbeiten der großen in ihr vertretenen Künstler nichts hinzu, doch werden die Zusammenhänge und Beziehungen zwischen der Sammlungskonzeption und den einzelnen künstlerischen Ausdrucksformen in neuem Licht zu betrachten sein: Im Tageslicht, das aufgrund wechselnder Wetterbedingungen und wechselnder Jahreszeiten die Kunstwerke im Museum so lebendig beleuchtet, wie dies mit künstlichem Licht nie zu erreichen wäre. Licht ist hier das wichtigste Baumaterial, ihm kommt eine Schlüsselfunktion zu. Das Licht, das die Stadt Baden-Baden und die Lichtentaler Allee beleuchtet, ist von hoher Qualität und Klarheit; es wird nun auch die Innenräume des Museums durchfluten. Damit hat der Besucher die Möglichkeit, die Kunstwerke in dem gleichen natürlichen Licht zu betrachten, in dem die meisten Künstler sie geschaffen haben. Das Museum Frieder Burda wird, davon bin ich überzeugt, in seiner Idee und materiellen Umsetzung eine besondere Ausstrahlung entfalten, nicht zuletzt deshalb, wie – so hoffe ich – Raum- und Kunsterfahrung an diesem Ort in besonderer Qualität zusammenwirken.

Richard Meier

Informationen

BauherrStiftung Frieder Burda
ArchitekturbüroRichard Meier & Partners Architects LLP, New York
Beauftragter ArchitektRichard Meier
Design PartnerBernhard Karpf
ProjektarchitektStefan Scheiber
Örtliche BauleitungDipl.-Ing. Peter W. Kruse, Baden-Baden

Projektdaten

Grundstücksfläche3.642 m²
Bebaute Grundstücksfläche2.220 m²
Bruttogrundrissfläche4.103 m²
Bruttorauminhalt23.300 m³

Zeittafel

Beauftragung des Architekturbüros Richard Meier & Partners Architects LLP 3. Juli 2001
Planungsphase2001-2002
Einreichung des Bauantrags27. April 2002
Baugenehmigung1. Juli 2002
Erster Spatenstich26. September 2002
Richtfest10. Oktober 2003
FertigstellungSeptember 2004
Eröffnung22. Oktober 2004