März 2017

Sigmar Polke, Zwei Steine feiern Doppelhochzeit, 1994 ©The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Bild des Monats

Der Titel des 2 x 2,60 m großen Werkes bezieht sich auf einen Zeitungsbericht über zwei Mitglieder der Rockgruppe „The Rolling Stones“, die gleichzeitig geheiratet haben. Über zwei fragmenthafte Figuren, die sich bücken und ihre Hände zu den Steinen, den Stones, die auf dem Boden liegen strecken, hat Sigmar Polke den Zeitungstitel geklebt. Mehrdeutigkeiten reizten Polke, er äußerte sich nicht zu seinen Werken, ihm gefiel, wenn diese ganz unterschiedlich interpretiert wurden.

Die beiden Figuren verdoppeln sich in der unteren Bildhälfte grotesk gestaucht. Polke sagte augenzwinkernd dazu: „Die Leinwand war unten nicht größer“. Das Markenzeichen des 1941 in Schlesien geborenen und 2010 in Köln verstorbenen Künstlers waren die Ironie und Rasterpunkte, mit denen er in den sechziger Jahren auf die amerikanische Pop-art antwortete. In seinen ab den 80ger Jahren entstandenen Schütt – und Lackbildern kam auch der Alchemist Polke zum Vorschein: in die Mitte des Bildes streute Polke schwarzbräunliches Pulver. Es ist Silbernitrat, eine Substanz, die in der Fotografie verwendet wird. Bis zu acht Schichten Kunststoffsiegellack in Verbindung mit Silbernitrat goss der Künstler auf einen liegenden, halbtransparenten Synthetikstoff, der sich so in einen geheimnisvollen, fast durchsichtigen Bildträger verwandelt. Es ergibt sich eine bienenwachsartige, glasige oder metallisch glänzende Oberfläche, durch die der Keilrahmen gut erkennbar ist. Vor seinem Studium an der Akademie der Künste in Düsseldorf hatte Polke eine Glasmallehre absolviert – diese Kenntnisse sind in vielen seiner Werke sichtbar. Er lässt das Material arbeiten, nimmt seine Kontrolle zurück. Es kommt ihm darauf an, was an Schönheit entsteht, auf das Unvorhersehbare, auf das Offensein für das Unbekannte. Der Betrachter soll aktiv umgehen mit dem Bild, soll davor hin und hergehen, denn durch den Perspektivwechsel verändert sich der Lichteinfall und dadurch die Farben.

Polke beschäftigte sich mit antiker Farbherstellung – wie man aus 8000 Meereschnecken 1 Gramm Pigment Purpur, der mythischsten aller Farben gewinnt oder den Schmuckstein Lapislazuli zur Herstellung der Farbe Blau einsetzt. Es sind Farben der Buchmalerei, beispielsweise aus dem „Book of Kells“ aus dem 8. Jahrhundert. Er experimentierte mit Realgar für Rot, mit Auripigment für Gelb oder mit Schweinfurter Grün – hochgiftige, arsenhaltige Farben, die längst vom Markt genommen wurden und arbeitete mit Substanzen,die je nach Temperatur, Beleuchtung oder Raumfeuchtigkeit ihr Aussehen wechseln.

Als sich am 26.4. 1986 der Unfall des Atomreaktors in Tschernobyl ereignete, explodiert in Polkes Brennofen in seinem Atelier eine Chemikalie. Das habe ihm zu denken gegeben meinte Sigmar Polke dazu.

Brigitte von Stebut

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