Mai 2017

Sigmar Polke, Gummibandbild Dürer-Hase, 1970 (links), Gummiband, Nägel auf Stoff auf Spanplatte, Sammlung Froehlich, Stuttgart und Dürer Hase, 1968 (rechts), Dispersion und Silberbronze auf Stoff, Museum Frieder Burda ©2017 The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, Dürer Hase, 1968 und Sigmar Polke, Gummibandbild Dürer-Hase, 1970

In seiner Arbeit Dürer Hase von 1968 verknüpft Sigmar Polke einen Bildträger aus bunt gemustertem Stoff, ein graues, formloses Farbfeld, scheinbar über dem Stoff schwebend gemalt, mit der Umrisszeichnung eines Hasen. Eine vergleichbare künstlerische Weiter- und Umgestaltung erfährt das Motiv 1970 in Gummibandbild Dürer-Hase: Auf einer mit blauem Stoff bespannten Spanplatte befestigt der Künstler um mehrere Nägel ein weißes Gummiband. Mit diesem Band – triviale Kurzware – formt Sigmar Polke in äußerst reduzierter Form, objekthaft, die Konturen des Dürer Hasen nach.

1502 malt Albrecht Dürer (1471–1528) das Aquarell eines Feldhasen. Die naturnahe und zugleich kunstvolle Charakterisierung des Tieres hat Weltruhm erlangt. Angeregt durch die Kommerzialisierung dieses Motivs, zitiert Sigmar Polke überdeutlich den Hasen zusammen mit dem signetgleichen Monogramm des Renaissance – Malers. Sigmar Polkes interpretatorische Umsetzung des Motivs baut sich aus den identischen Formelementen der Vorlage auf. Seine gestalterischen Variationen beleuchten eine Ikone der Kunstgeschichte, die durch ihre Vervielfältigung zum Massenprodukt geworden ist. In der freien Form des Kopierens entwirft Sigmar Polke eine Stellungnahme zum Original und zeigt durch verschiedene Abgrenzungsstrategien eine Neuformulierung eigener künstlerischer Absichten. Zugleich stellt er die Fixierung kunsttheoretischer Konventionen infrage: die Rolle des Künstlers als Autor, die betonte Abkehr von der herkömmlichen Vorstellung, was Kunst ist oder sein soll. Dies hat Sigmar Polke stets mit subversiver Komik unterlaufen. Das Spiel mit vorgefundenen Versatzstücken, Motiv- und Stilzitaten, Experimentierfreudigkeit, Witz und Ironie sind charakteristisch für sein vielseitiges und vielschichtiges Werk.

Der Dürer Hase, als virtuose künstlerische Leistung bewundert und bis heute Höhepunkt der illusionistischen Malerei, findet in den von Sigmar Polke geschaffenen Versionen ein modernes Pendant. Die neu zusammengesetzten Bildelemente aus den Bereichen des Alltags und des Kunstkontextes lösen Assoziationen aus, die Dürers Aquarell des Feldhasen auch als Einrichtungsdekor der 1960er Jahre präsentieren. Das Zitat hat Teil an der Bedeutung des Originals, während das Original durch die Aneignung Bestätigung findet.

Margit Fritz