Richard Meier im Gespräch mit Horst Brandenburg






HB Welche Werte manifestieren sich in Ihrer Architektur?
RM Ich glaube, dass meine Werte sich an der Geschichte und der Geschichte der Architektur orientieren. Architektur hatte immer mit dem menschlichem Maß tu tun, damit, wie ein Individuum, eine Person einen bestimmten Raum erlebt, und was das Besondere dieses Raumes ist. Damit, wie dieser Raum gemacht ist, und wie er sich zu anderen Räumen verhält, wie das Licht einfällt, wie man sich darin bewegt und den Raum erlebt.
Abgesehen von der Geschichte glaube ich, dass die Gebäude, in denen wir uns wohlfühlen und die wir am meisten schätzen, zu uns, einzeln oder in Gruppen, in Beziehung treten. Sie tun das durch verschiedenste Mittel, z.B. durch Öffnungen oder geschlossene Wandteile, durch Licht usw. Die Gebäude, die uns etwas bedeuten, stehen oft schon lange und spielen städtebaulich und gesellschaftlich immer noch eine wichtige Rolle. Deshalb ist für mich Architektur etwas, das zeitlos erfahrbar sein sollte, als erhebende Erfahrung. Architektur hat nicht nur für die Gegenwart Bedeutung, sondern auch für die Zukunft und für Zusammenhänge, die wir in dem Zeitpunkt, in dem diese Architektur entsteht, überhaupt nicht vorhersehen können. Architektur führt ein eigenes Leben. Und dieses Leben dauert an - vielleicht länger als unseres.
HB Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Eindruck von der Lichtentaler Allee in Baden-Baden?
RM Ich hatte Fotos der Parkanlage gesehen, bevor ich nach Baden-Baden kam, deshalb hatte ich eine gewisse Vorstellung davon, wie es aussehen würde. In Wirklichkeit war die Anlage dann aber viel schöner als ich erwartet hatte. Der Park ist viel prächtiger und stärker mit der Stadt verbunden als ich mir vorgestellt hatte. Er ist ganz und gar Teil der Stadt und sehr belebt. Viele Fußgänger sind hier unterwegs, auch Fahrräder und Leute mit Kinderwägen. Es ist in gewisser Weise das Herz der Stadt. Die Stadt selbst hat Cafés und Plätze zum Sitzen und Reden, die Allee ist dagegen sehr ruhig und grün.
HB Was hat Ihren Entwurf für den Neubau der Sammlung Frieder Burda beeinflusst?
RM Die Kunsthalle spielt für den Entwurf natürlich eine wichtige Rolle, weil wir an die Kunsthalle angegliedert sind. Darüber hinaus wollte ich die Fußgängerführung hervorheben, sowohl durch das Gelände hindurch als auch an den Gebäuden entlang, parallel zur Oos. Die Menschen, die hier leben, kommen die Treppe zwischen Kunsthalle und Neubau herunter und können ihren Weg ins Zentrum von Baden-Baden fortsetzen. Neben dieser vertikalen Verzahnung auf Bodenniveau gibt es noch die horizontale auf höherer Ebene durch die Brücke zur Kunsthalle. Was mir, wissen Sie, auch gefällt, ist, dass der Neubau Sammlung Frieder Burda das erste moderne Gebäude der Stadt in historischer Umgebung sein wird, auch dadurch kommt neues Leben hinein.
HB Sehen Sie das neue Museum und die Kunsthalle als Zwillinge?
RM Beide Häuser haben etwa das gleiche Ausmaß. Das neue Gebäude wird etwas niedriger sein als die bestehende Kunsthalle. Die Höhe des Neubaus entspricht in etwa der Traufhöhe der Kunsthalle, überragen wird es die Kunsthalle mit Sicherheit nicht.
HB War eine bestimmte Quadratmeterzahl vorgegeben?
RM Frieder Burda gab mir ein Blatt Papier: "So viele Galerien, die und die Größe, vielleicht ein oder zwei Büros", es war nicht so fest definiert wie es vielleicht bei einem staatlichen Projekt gewesen wäre. Aber es enthielt sehr wohl alle Räume, die jetzt im Gebäude untergebracht sind. Beim Durcharbeiten schauten wir uns immer wieder die Größe einiger Räume an und fragten, "Ist es das, was Ihnen in bezug auf einige der Galerie-Räume vorschwebt" und er sagte, "Oh, vielleicht sollte es etwas größer sein, vielleicht sollte es kleiner sein, vielleicht sollten wir dieses und jenes ändern"; wissen Sie, das ist ein Prozess des Gebens und Nehmens. Ausgangspunkt war aber das Raumprogramm, das wir anfangs zusammenstellten.
Das Gute an der Arbeit mit Frieder Burda ist, dass er seine Sammlung so gut kennt und genau weiß, was er in dem neuen Museum haben will. Es ist uns gelungen, bestimmte Räume zu definieren, die, davon bin ich überzeugt, schon in seinem Kopf vorhanden waren: "Ach, dieser Ort wäre genau richtig für das und das Gerhard Richter-Bild" oder "Ich könnte mir vorstellen, dieses Werk dort zu zeigen". Auf diese Weise entwirft man ein Museum für eine bestimmte Sammlung, die sich verändern wird, die aber eine bestimmte Größe und Dimension hat. Die Ausstellungssäle werden so entwickelt, dass sie wirklich zu der Sammlung passen.
HB Was ist das Besondere an diesem Projekt?
RM Baden-Baden ist eine besondere Stadt mit einem einzigartigen Charakter. Sicher ist das ein Ort, wo die Menschen sich eher gemächlich bewegen. Man hat nicht das Gefühl, in einer Stadt zu sein, sondern eher, an einem Ort der Besinnung. Deshalb ist das Museum, meine ich, besonders glücklich platziert in dieser Atmosphäre, in der Lichtentaler Allee. Wissen Sie, es ist ein Juwel im Park. Und es ist sehr klein. Es ist kein großes Gebäude. Es ist eine Villa. Eine große Villa. Ich glaube, dass sich diese Momente zu einem einzigartigen Ort verdichten. Und die Sammlung von Frieder Burda ist mit Sicherheit einzigartig: Sehr zeitgenössisch, sehr lebendig. Alle diese Bestandteile kommen zusammen und machen eine besondere Sache daraus. Die Stadt ist sich dessen ganz offensichtlich bewusst und stellt deshalb diesen Ort zur Verfügung.
Das neue Haus wird für viele Menschen ein Anziehungspunkt sein, die extra nach Baden-Baden kommen, um die Sammlung Frieder Burda zu sehen. Die Stadt wird natürlich von Touristen und Besuchern profitieren. Davon, dass es künftig einen Grund mehr gibt, nach Baden-Baden zu kommen.
HB Hatten Sie schon einmal ein ähnliches Projekt?
RM Die Situation ist, wenn ich zurückdenke, zu vergleichen mit der in Frankfurt, wo wir das Museum für Kunsthandwerk als Anbau an die vorhandene Villa Metzler gebaut haben. In Frankfurt war das neue Museum jedoch 9mal so groß wie das vorhandene Gebäude, d.h. die Villa macht nur ein Viertel des gesamten Museumskomplexes aus. In Baden-Baden ist die Situation zu beiden Seiten der Verbindungsbrücke ausgewogen. Das sieht nach einer glücklichen Verbindung aus. Die Programme und Aktivitäten werden sich wohl gegenseitig stärken.
HB Ist es problematisch, bereits vorhandene Architektur in einen Entwurf zu integrieren?
RM Ich glaube nicht, dass es schwieriger ist, an ein vorhandenes Gebäude anzubauen. Es ist eine eigene Herausforderung und man geht anders daran heran. Man hat beides: Besucherströme von einem Gebäude in das andere, und Besucherströme in und durch das Gebäude. Daraus entstehen vielleicht interessantere, komplexere Wegführungen als in einem freistehenden Bau.
HB Wie beherrschend sollte Ihrer Meinung nach Museumsarchitektur sein?
RM Sehen Sie, ich glaube, man kann Museen nicht verallgemeinern. Jedes Museum ist anders. Jeder Standort ist unterschiedlich, die Präsentationsweise ist jeweils unterschiedlich. Die Vorstellungen davon, was vermittelt werden soll, sind unterschiedlich. Und wenn man daher über Museumsentwürfe spricht, dann muss man, glaube ich, auch darüber sprechen, wo das Museum im einzelnen liegt, was das Besondere daran ist und was es vermitteln will.
HB Welche Aufgaben haben moderne Museen zu erfüllen?
RM Ich würde sagen, dass das Museum im 21.und im späten 20. Jahrhundert zu einem Ort geworden ist, der sich von dem, was es zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, deutlich unterscheidet. Die frühen Museen des späten 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts waren elitär. Die Menschen gingen hin, unterhielten sich aber nicht, weil es eine stille Umgebung war. Die Besucher schauten sich die Kunstwerke an oder schauten sich einen Teil des Museums an und gingen dann wieder. Es war kein Ort sozialer Interaktion, wie dies heute der Fall ist. Ich glaube, das ist der Haupt-Unterschied, dass das Museum heutzutage ein sehr viel größeres Publikum anspricht, als dies früher jemals der Fall war. Dazu kommt, dass es nicht mehr nur die Aufgabe hat, zu unterrichten und zu bilden, sondern eben auch den zwischenmenschlichen Kontakt und Austausch zu fördern. Dafür zu sorgen, dass Menschen im Museum zusammenkommen. Sie kommen nicht unbedingt allein. Sie kommen mit der Familie oder in einer Gruppe, um miteinander zu reden, nachzudenken und zu diskutieren und um vielleicht auch um - ich gebrauche dieses Wort nicht gern - unterhalten zu werden. Aber ich glaube, dass es auch diesen Aspekt gibt.
HB Verändert sich die Beurteilung eines abgeschlossenen Projektes mit zunehmender zeitlicher Distanz?
RM Während des Getty-Projektes habe ich jeden Monat zwei Wochen in Los Angeles verbracht. Ununterbrochen fünfzehn Jahre lang. Und ich war beruflich und persönlich so stark in dieses Projekt involviert, dass ich jede kleine Nuance wahrgenommen habe. Und, natürlich war ich glücklich als es fertig war, aber ich brauchte eine ganze Weile, um mich davon wieder zu lösen. Jede einzelne Enttäuschung hat sich in jener Zeit wie unter einer Lupe von selbst vergrößert. Wissen Sie, wenn ich in Los Angeles war, war alles ganz wunderbar, aber ich grübelte über alle Details nach, die noch besser hätten werden können. Jetzt, zurückblickend, habe ich wahrscheinlich die Hälfte dieser Dinge vergessen. Ich blicke zurück auf das, was wir da geschaffen haben, und es ist wirklich erstaunlich. Ich bin sehr stolz. Man vergisst die Schwierigkeiten und man vergisst die Probleme, weil die Situation, die insgesamt dort entstanden ist, atemberaubend ist. Wenn ich dort bin, sehe ich fasziniert, wie die Menschen den Ort erleben, wie sie auf ihn reagieren, an bestimmte Stellen zurückkehren und es genießen, dort zu sein. So haben wir Architekten, wenn wir mitten in einem Projekt stecken, eine bestimmte Vorstellung davon. Aber im Laufe der Zeit, glaube ich, erweitert sich das Blickfeld, und die Vorstellung auch.
HB Kritiker sagen, Ihre Architektur ist nicht zeitgenössisch genug.
RM Oh, Architektur ist nicht für den Moment gedacht. Ich glaube, man braucht viel zuviel Geld, Energie und Arbeit, als dass man Architektur nur unter dem Gesichtspunkt des Tagesaktuellen verstehen könnte. Es ist nicht etwas, das nur für eine kurze Zeit existiert und das wir dann ad acta legen. Architektur ist etwas Dauerhaftes, Wertvolles, und so sollten wir diese Gebäude auch betrachten.
Dieses Interview wurde im September 2002 geführt.

