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Klaus Gallwitz zur Ausstellung: "Der späte Picasso"


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"J´aime que ça continue"

 

Der Sammler Frieder Burda, der sich seit vielen Jahren immer wieder in seinem Haus in Mougins in Südfrankreich aufhält, hat sich dort von den späten Bildern Picassos, die am selben Ort entstanden sind, nachhaltig anregen lassen und sie zu einem erklärten Ziel seiner Vorlieben gemacht. Sieben Gemälde und eine Skulptur haben ihren dominanten Platz im Neubau von Richard Meier in Baden-Baden erhalten. Zur Eröffnung des Hauses waren sie in einem transatlantischen Gegenüber mit amerikanischen Künstlern auf den wie schwebenden Wänden des Obergeschosses zu sehen. Im Frühjahr 2005 bezogen sie das benachbarte lichtdurchflutete  Kabinett,  dessen Fenster sich zum Park der Lichtentaler Allee öffnen. Die heitere wie strenge  Korrespondenz von Innen- und Außenraum verlieh diesem Ambiente eine nahezu mediterrane Atmosphäre. Mougins in Baden-Baden erfüllte nicht nur den Traum des Sammlers, sondern beeindruckte auch stets von neuem die annähernd 150.000 Besucher, die erstmals im Museum Frieder Burda Bekanntschaft mit dem intimen und pathetischen Werk des alten Malers und Plastikers machten.

 

Unsere Ausstellung hat ihren Vorläufer. Schon einmal wurde das Spätwerk Picassos während des Sommers 1968 nebenan in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden mit über 120 Gemälden und  Zeichnungen gezeigt. Es handelte sich damals um die erste museale Präsentation der noch äußerst umstrittenen neuen Werke aus der Nachkriegszeit. Daniel-Henry Kahnweiler, lebenslanger Freund und Förderer  des Künstlers, hatte diese Premiere zusammen mit vielen Leihgebern aus Europa und Amerika unterstützt und die Ausstellung mit einem Bekenntnis zu den jüngsten Arbeiten eröffnet. Von hier aus fanden viele Bilder früher oder später ihren Weg in Museen und Sammlungen der Welt. Ein Durchbruch wurde eingeleitet. Er gab den Blick frei auf eine zeitgenössische künstlerische Szenerie, regiert von Abstraktion, Konzeptkunst und Minimalismus, der sich der alte Maler in Mougins nach Kräften widersetzte, indem er rabiat und entschieden für das Primat der Figuration und die Eigengesetzlichkeit der malerischen Handschrift stritt. Hierfür mobilisierte er seine Garde und den großartigen Troß seiner Marketenderei.

 

Jetzt knüpfen annähernd 40 Gemälde und Skulpturen an diese fast 40 Jahre zurückliegende Historie an, die einen ihrer folgenreichen Anstöße im Nachbarhaus, der Kunsthalle, erhalten hatte. Heute verbindet sich ein Stück lokaler Kunstgeschichte in Baden-Baden aufs engste mit einer persönlichen Sammlergeschichte, die den Namen Frieder Burda trägt. Er selbst schlug den Titel dieser Ausstellung vor. Dreißig Gemälde und sechs Skulpturen geben nicht nur Zeugnis von einer intensiven und äußerst produktiven Altersphase Picassos – ein Arbeiten im Wettlauf mit einer Fülle von inneren und äußeren Gesichten, sie zeugen auch für die ungebrochene Aktualität des Künstlers, an dessen späten Bildern sich eine jüngere Generation bis heute sehr viel stärker orientiert als an seinen klassischen Phasen. Und auch der Sammler Frieder Burda sieht mit seinem Blick für Picasso unbefangen auf die Malerei der Gegenwart.

 

Die Ausstellung „Von Mougins nach Baden-Baden“ wird jetzt die hohen, von oben erhellten  Wände des großen Saales im Parterre füllen und im Kabinett des Mezzaningeschosses gastieren. Aus deutschen und europäischen Museen und Privatsammlungen finden sich Gemälde und Skulpturen ein, die das Ensemble der Sammlung Frieder Burda in den weiteren Zusammenhang der zwölf letzten Schaffensjahre stellen. So weit gespannt wie möglich und so konzentriert wie nötig, nimmt die Ausstellung die eigentümlichen Züge  eines Familientreffens an, das ebenso die Gemeinsamkeiten wie die Individualitäten bei einer solchen Zusammenkunft sichtbar und grotesk hervortreten läßt. Frieder Burda, der einmal daran gedacht hatte, für seine Sammlung ein Haus in Mougins bauen zu lassen, empfängt die anarchischen und barocken, rustikalen und urbanen Mitglieder der Sippe Picasso in seinem hellen Haus an der Lichtentaler Allee. In diesem bunt gemischten Ensemble werden die theatralischen, meditativen, bukolischen und außerordentlich kraftvollen Rollen zu studieren sein, die vor nunmehr mehr als einer Generation Picassos Atelier schubweise erobert hatten. An diesem einzigartigen Zusammentreffen wird man in Baden-Baden jetzt erneut teilnehmen können.

 

Auf die Frage, ob er lieber eine Sache anfange oder beende, bemerkte der bejahrte Mann einmal: „J´aime que ça continue“. Die Antwort: „Ich liebe das, was weiterführt“, in genauer Entsprechung zu seiner Arbeit, mag auch als Motto für die Ausstellung in Baden-Baden gelten. Die Jahre in Mougins waren gekennzeichnet von einer sich bis zur Besessenheit steigernden Arbeitswut. Die Zahl der Gemälde, Zeichnungen und Grafiken übersteigt die der vorausgehenden Jahrzehnte um ein Vielfaches. Ihnen allen ist ein Thema gemeinsam: das der obsessiven Selbstbefragung. Eine Art von Inquisition des Alters hebt an, die sich ohne Prüderie und Peinlichkeit rücksichts- und schonungslos selbst inszeniert. In der Betrachtung des Greises studiert er seine Grimassen und ihre übermütigen, lächerlichen, verzerrten, auch melancholischen Attitüden. Der autistische Antrieb bedient sich dabei immer wieder  allegorischer Verkleidungen. Ein Mummenschanz kommt ans Licht. Gegen den Kanon von Stil und Konvention setzt sich der Ruhelose vehement zur Wehr, indem er seine Subjekte und Gegenstände wie zu allen Zeiten seinen persönlichen Belangen und Bedürfnissen unterwirft. Die letzten Kapitel in Picassos Werk sind in der Fülle des Materials, der Ausschweifungen, Übertreibungen und der intensiven Fixierung von Realität auch die gedrängtesten. Die comédie humaine erweist sich noch einmal als großes ebenso lustvolles  wie von Erschrecken dirigiertes Szenarium in ständig wechselnden Besetzungen.

 

„Man braucht sehr lange Zeit, um jung zu werden“ – der über achtzigjährige Maler hatte in seinem Landhaus Notre-Dame-de-Vie  bis zuletzt besessen für diese selbstbehauptende Einsicht gearbeitet, ein Unternehmen ohne vorhersehbaren Ausgang. Die Bilder der Spätzeit tragen das Datum ihrer Entstehung auf der Rückseite der Leinwand. Die Arbeitstage sind zum Bestandteil des Lebens wie des  Werkes geworden. Pedantisch vermerkte der Maler Tag und Monat, manchmal das Jahr, so daß späte Bilder nur ein einziges Datum oder eine Reihe von Zahlen, die zur Kolonne anwachsen können, aufweisen. Diese gewissenhafte Registrierung verrät Picassos waches und gespanntes Verhältnis zum Ablauf der Zeit, die er in noch so produktiven Perioden nicht aus dem Auge verliert. In dieser Praxis offenbart sich auch die tiefverwurzelte Skepsis gegenüber Dauer und Gültigkeit des künstlerischen Impulses und seiner kraftvollen emotionalen Entsprechung.

 

Immer mehr verzichtete er auf eine Vollendung der Motive im konventionellen Sinn, wie man das gewöhnlich von „Klassikern“ erwartet oder sich von einem „reifen Spätstil“ verspricht. Vielmehr wurde das Vorübergehende, Unfertige auf seinen Darstellungswert geprüft. Die Absage an den Stil ist in diesen späten Werken endgültig. Erkennbar bleibt eine Handschrift, die sich zwischen Formeln der Beschwörung und der Ohnmacht, der Heraldik und der Pornographie ruhelos und zugleich mit größter Sicherheit hin- und herbewegt. Vulgär, wild, scheinbar kunstlos werden Zeichnung und Farben eingesetzt. Die Invasion der Bilder wird allein durch das Auge kontrolliert, das scharf kalkulierend auch noch die Grimasse oder die obszöne Geste in ein ästhetisches Gleichgewicht heben kann.

 

Der alte Picasso erinnerte sich an alles, aber er belebte es immer wieder neu für seinen eigenen Gebrauch. Woran besser sollte er sich in den Jahren von Mougins sonst halten? Er verfügte über Willen und Fähigkeit, seine Erfindungen selbst zu zertrümmern, um neue zu erfinden. Allein an seinem unersättlichen Bedürfnis nach Gestaltung hat er sich orientiert und sich dazu unermüdlich und ohne zu zögern jeder Form von neuem bedient. Auf diesem kompromißlosen Weg wurde er ein Überlieferer. Alles mußte mitgeteilt werden, weil sich in jeder Äußerung noch eine andere, bisher nicht gesagte Wendung verbarg. Immer kürzer wird dabei die Distanz, immer näher geht der Maler bei der Arbeit an die Leinwand und das Objekt seiner Begierde heran. Gleichzeitig verlegt er die Einsichten eines alten Mannes in den größten Abstand zum Gegenstand seiner Besessenheit – der sinnlichen Erfahrung und dies besonders bei der passionierten und fassungslosen Wahrnehmung der Frau. In ironischer, verzweifelter und reflektierter Weise setzt sich der Kunstakt schamlos an die Stelle des Liebesaktes. Die eigentümliche Theatralik dieses Vorgangs spiegelt sich in allen Facetten, die Picasso mit grimmiger Lust und Offenheit auf der Leinwand, sich selber vorführend, verfolgt. Schließlich trifft er immer wieder auf sich selbst. Zu den Göttinnen und Götzen des Spätwerks tritt unverhüllt das Gesicht des Künstlers – ecce homo.

 

Baden-Baden, 23. September 2005