BILD DES MONATS,![]()
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Januar 2012![]()
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Auch bei dieser Arbeit hat Anselm Kiefer sein bevorzugtes Material Blei eingesetzt. Denn der Bildträger ist eine Bleiplatte, die er so bearbeitet hat, dass der Eindruck eines wolkenverhangenen Himmels hervorgerufen wird. Am unteren Bildrand erhebt sich ein ganzes Blumenfeld aus getrockneten Tulpen. Einzelne Tulpenblüten weht der Wind scheinbar davon. Dem Betrachter bietet sich so ein Landschaftsbild, das von einer melancholisch-elegischen Stimmung erfüllt ist und an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemahnt. Mit Sujet und Atmosphäre knüpft Kiefer an die kunstgeschichtliche Tradition an, die Wahl seiner Materialien ist dagegen völlig unklassisch. Es sind Materialien, die Kiefer schon seit vielen Jahren verwendet, da er von ihren unterschiedlichen Bedeutungsassoziationen fasziniert ist. Bei diesem Werk kombiniert er Blei und Pflanzen und damit Totes und Lebendiges, Kaltes und Warmes, Anorganisches und Organisches, Hartes und Weiches. Diese miteinander kontrastierenden Stoffe ergänzen sich aber zugleich und intensivieren so das Memento mori der Bildaussage.
Ein weiteres Bildelement wird erst auf den zweiten Blick wahrgenommen: Inmitten der Tulpen befindet sich ein kreisförmig angeordneter Fahrrad-Bremszug. Dieses technische Versatzstück scheint zunächst mit der Landschaftsdarstellung in keiner Verbindung zu stehen, betrachtet man es aber im Zusammenhang mit den Tulpen wird eine direkte Beziehung augenscheinlich, die ein eher heiteres Moment in die ansonsten wehmütige Atmosphäre der Landschaft bring: Sind doch Tulpe und Fahrrad populäre Verweise auf Holland.
Auch der Bildtitel „Mutatuli“ – im Bild selbst über dem Tulpenfeld zu lesen – sowie eine weitere Inschrift „Max Havelaar“ – in sehr kleiner Schrift am Bildrand unten rechts gerade noch erkennbar – weisen in die Niederlande. Multatuli (von lat. multa tuli „ich habe viel ge- oder ertragen“) ist das Pseudonym des niederländischen Schriftstellers Eduard Douwes Dekker (1820-1887), der 1860 den Roman „Max Havelaar“ veröffentlicht hat. Multatuli hat darin eigene Erlebnisse verarbeitet. Er selbst lebte lange Jahre als niederländischer Kolonialbeamter auf Java und war unmittelbar mit der Ausbeutung der dortigen Bevölkerung konfrontiert. Das Buch, eine leidenschaftliche Kritik am Kolonialsystem, ist bis heute in den Niederlanden sehr bekannt, in Deutschland dagegen fast vergessen. Um diesem Vergessen entgegenzuwirken, hat Kiefer mit „Mutatuli“ eine Art Memorialbild und poetische Hommage geschaffen.
Interessanterweise zitiert Kiefer Multatuli im Titel nicht korrekt, sondern nennt die Arbeit „Mutatuli“, vielleicht ein Hinweis auf das lateinische mutilare, das verstümmeln bedeutet und damit auf die Missstände des Kolonialismus abzielen könnte. Ähnlich anspielungsreich lässt sich auch der zunächst harmlos wirkende Fahrrad-Bremszug verstehen, der jedoch in der Mitte des Bildes und damit an zentraler Stelle angeordnet ist und in seiner Form deutlich an eine Schlinge erinnert.
Wie in vielen seiner Werke gelingt es Anselm Kiefer auch bei dieser Arbeit verschiedene Bedeutungsebenen zu einem komplexen, aufeinander verweisenden Geflecht zu verschränken.
Dr. Jenny Dopita
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