![]() Duane Hanson, Queenie II, 1988 |
DUANE HANSON
Duane Hanson (1925 –1996) ist einer der einflussreichsten, dem Realismus verpflichteten amerikanischen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Seine lebensechten und detailgetreuen Menschenfiguren sorgen in ihrer Realitätsnähe für die perfekte Irritation. Trotz aller Ernsthaftigkeit, die sich hinter dem sozialkritischen Anliegen verbirgt, welches Hanson zur Erschaffung seiner Protagonisten veranlasst hat, haben die Figuren einen hohen Unterhaltungswert, vor allem auch – und gerade darin liegt ihr Reiz – wegen ihres bisweilen gravitätischen Auftretens. Die Ausstellung zeigt mit 25 Werken einen repräsentativen Querschnitt aus dem insgesamt nur 114 Arbeiten umfassenden Gesamtwerk des Amerikaners. Die Figuren werden in Dialog gebracht mit den großformatigen Fotoarbeiten des amerikanischen Fotokünstlers Gregory Crewdson, der auf eine andere und sehr subtile Weise von menschlichen Abgründen zu erzählen versteht.
Zu Beginn der 1950er Jahre, nach Abschluss seines Studiums der Bildhauerei an der Cranbrook Academy of Art in Bloomfield Hills, Michigan, orientierte sich Hanson zunächst an dem zu dieser Zeit gültigen abstrakten Kunststil, was jedoch zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führen sollte. 1953 wandte er seiner Heimat den Rücken, um für ein knappes Jahrzehnt seinen Lebensunterhalt als Kunstlehrer an amerikanischen Schulen in Deutschland zu verdienen. Während dieser Zeit entdeckte er die für sein zukünftiges Schaffen entscheidenden Materialien Polyesterharz und Fiberglas. In die USA zurückgekehrt, wird Hanson in den nun folgenden Jahren seine künstlerischen Fertigkeiten im Umgang mit diesen Werkstoffen derart perfektionieren, dass die Grenzen zwischen Realität und Kunstfigur zu verschwimmen scheinen. Wobei es Hanson nie um die bloße illusionistische Wiedergabe der Realität ging, sondern er diese veristische Darstellungsweise als Mittel seines inhaltlichen Anliegens wählte, das heißt der Veranschaulichung menschlicher Lebenstragödien, die sich in seinen Typen eindringlich verdichten.
In den Menschenfiguren der frühen Werkphase Ende der 1960er Jahre reagierte Hanson auf die gesellschaftspolitischen Spannungen und Protestbewegungen jener Tage. Er schuf Skulpturen und Ensembles, die soziales Elend, Gewalt oder Rassismus sehr direkt thematisieren, und bezog Stellung für die Opfer dieses Systems, für die Menschen, die nie die Chance hatten, den Anforderungen des Lebens erfolgreich zu begegnen.
Unter dem Einfluss der Pop-Art wandte sich Hanson dann thematisch dem amerikanischen Alltag zu und wechselte bei seinen Beobachtungen oftmals zu einer kritisch satirischen Haltung, die aber stets von Mitgefühl geleitet wird. Hausfrauen, Bauarbeiter, Autoverkäufer oder Hausmeister, die Menschen der amerikanischen Mittel- und Unterschicht, in deren Biografie sich die Enttäuschungen des amerikanischen Traums eingegraben haben, sind die Vorbilder seiner Figuren. Oftmals mit ironischer Liebenswürdigkeit rückt er seine Personen und all ihre kleinen Unzulänglichkeiten ins rechte Licht, wie z. B. die „Tourists“, in welchen sich alle Klischees der typischen Floridaurlauber bündeln.
1972 gelang ihm mit der Teilnahme an der documenta 5 in Kassel schließlich der internationale Durchbruch. Hansons Figuren wurden lebensechter, immer natürlicher fügen sie sich in ihre Umgebung ein. Ihre Gesten, Gesichtszüge und Körperhaltungen erzählten von den psychischen und physischen Lasten des Lebens. Der Künstler konzentrierte sich auf ältere Menschen, in deren Physiognomien sich die Spuren des Daseins, die Folgen der Einsamkeit, die Probleme des Altseins und ihre Entfremdung ablesen lassen. Die Isolation dieser Generation durch die Gesellschaft machte Hanson betroffen, ein Umstand, der an Aktualität nichts eingebüßt hat.
Der Anspruch, die Figuren so lebensecht wie möglich wiederzugeben, wurzelte gewiss nicht in der Absicht, den Betrachter von ihrer „Echtheit“ überzeugen zu wollen, vielmehr soll die Lebensechtheit zu Einfühlung und Anteilnahme bewegen. In diesem Anliegen manifestiert sich Hansons Humanismus. Menschliche Werte und Schicksale bilden den Mittelpunkt seiner Kunst, er transformiert die Realität des Lebens in den Realismus der Kunst und lässt uns so den Blick für die Zukunft schärfen, unseren Blick auf die Welt, unsere Mitmenschen und auch auf unser eigenes Leben.
![]() Gregory Crewdson, Untitled (Merchants Row), 2003 |
GREGORY CREWDSON
Gregory Crewdson ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Fotografen. Dem 1962 in Brooklyn, New York, geborenen Fotokünstler gelingt es wie kaum einem anderen, in seinen Werken Fiktion und Realität zu einem das Unterbewusstsein stimulierenden Surrogat zu vereinen. In seinem bisher wichtigsten Werkzyklus „Beneath the Roses“, der zwischen 2003 und 2007 entstanden ist, entwirft Crewdson in einer unvergleichlichen, beinahe barocken Dichte bedrückende Szenarien menschlichen Daseins, die alle im morbiden, kleinstädtischen Milieu Amerikas angesiedelt sind. 20 herausragende Fotoarbeiten aus diesem Zyklus werden in der Ausstellung mit Skulpturen von Duane Hanson in Dialog gebracht. Für seine Bilderfindungen scheut Gregory Crewdson weder Mühe noch Kosten. Bis ins kleinste Detail werden die Inszenierungen im Voraus geplant und arrangiert, um dann mit großem logistischen und personellen Aufwand, der an Filmproduktionen erinnert, umgesetzt zu werden. Die endgültige Fotografie ist das Resultat oft wochenlanger Arbeit, ein Umstand, in welchem sich inhaltlicher Tiefgang und technische Perfektion der Werke begründen.
1988 schloss Crewdson sein Studium der Street Photography an der Yale School of Art in New Haven ab. 1993 kehrte er nach Yale zurück und hält seitdem dort den Lehrstuhl für Fotografie inne. Auf der Suche nach atmosphärisch stimmigen Orten, in denen der Künstler für die Fotoproduktion Kulissen wie Filmsets aufbauen läßt, reist er kreuz und quer durch den Staat Massachusetts. Zumeist sind es auch die Anwohner der maroden Städte, die die Charaktere spielen dürfen. Die Ergebnisse wirken wie Einzelbildaufnahmen aus einem Kinofilm und spiegeln seine Affinität zur Cineastik. Filmemacher wie Alfred Hitchcock, David Lynch oder Steven Spielberg inspirieren Crewdson zu seinen unheimlichen Geschichten, die er in einer einzigen Momentaufnahme einzufrieren scheint. Das Konstruieren dieses narrativen Moments zeigt die außergewöhnliche Begabung des Künstlers. Seine Arbeiten fordern den Betrachter, wie anspruchsvolle Literatur das mit dem Leser tut, denn er muss den entscheidenden Teil der kreativen Leistung selbst erbringen. Phantasie, Vorstellungs- und Assoziationskraft formen das Bildgeschehen im Geiste zu einer subjektiven, alternativen Realität – einer unheimlichen Wirklichkeit. Ein kurzer flüchtiger Blick genügt dabei nicht. In die detailreichen Szenen voller Accessoires muss sich der Betrachter versenken, um das ganze Spektrum der Szenerie erfassen zu können.
Crewdson arbeitet in seinen Fotografien gezielt mit Emotionen und Ängsten, die sich in wiederkehrenden, zum Teil sehr unterschiedlichen Szenarien durch sein Werk ziehen. In ihnen spiegeln sich Entfremdung, Abwesenheit, Scham, Sexualität und Verlust – menschliche Gefühlszustände, die den Betrachter zutiefst berühren. Dass der Künstler die Psyche in den Vordergrund seiner Arbeiten stellt, mag vielleicht auch daran liegen, dass er als Sohn eines Psychoanalytikers den Blick auf die Tiefgründigkeit der menschlichen Seele schon frühzeitig erfahren konnte. Seine Arbeiten können als Metaphern für Ängste und Sehnsüchte verstanden werden, für die Dinge, die unter der Oberfläche, dem Augenfälligen stattfinden, so als ob Crewdson eine neue oder andere Realitätsebene sichtbar machen wolle, die zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein angesiedelt ist.
Gleichzeitig lässt sich die Werkgruppe „Beneath the Roses“ als ein Psychogramm der amerikanischen Provinz wahrnehmen. Die Schauplätze zeigen soziale Realitäten und dokumentieren den wirtschaftlichen Niedergang einer Gesellschaft hinter den Kulissen des American Way of Life. Unsentimental und direkt spiegeln sie das Leben der Arbeiterschicht – womit sich eine Brücke zu dem Werk von Duane Hanson schlagen lässt, dessen Oeuvre ebenfalls um den Begriff der Menschlichkeit kreist, deren Facetten er in seinen stillen, in sich gekehrten Figuren Ausdruck verleiht.
Die Entstehung von „Beneath the Roses“ wurde in einer Serie von Produktionsaufnahmen (Production Stills), Originalzeichnungen des Künstlers und detaillierten Beleuchtungsplänen dokumentiert. Rund 60 Arbeiten aus diesem Fundus werden in einer Studioausstellung des Museums präsentiert, um den komplizierten technischen Herstellungsprozess der Fotografien zu veranschaulichen.















