Frieder Burda im Gespräch mit Stefan Koldehoff, Deutschlandradio, 23. November 2003










Download als Acrobat Reader Datei
Tondokument des Interviews (mp3-Datei, ca. 18 MB)
Sammeln kommt von innen heraus: Leidenschaft hört nie auf
Ein Gespräch mit dem Baden-Badener Kunstsammler Frieder Burda über seine Leidenschaft zur Kunst und sein neues Museum, das im Spätjahr 2004 in Baden-Baden eröffnet wird. Die Sammlung Frieder Burda zählt zu den bedeutendsten Kunstsammlungen in Europa.
Frage: Herr Burda, wir sitzen hier in einem wunderschönen Haus in Baden-Baden am Rande des Kurparks, in einem Gebäude, das voll von Kunstwerken ist. Bilder von Sigmar Polke, Gerhard Richter von Clyfford Still, von zeitgenössischen Künstlern. Über dem Sofa, auf dem wir sitzen, ein großes Picassogemälde, daneben eine große Skulptur von Picasso. Das alles wird etwa in einem Jahr einige hundert Meter Luftlinie entfernt in einem Museum sein, das Sie in Baden-Baden bauen. Warum trennt man sich von so wunderschönen Kunstwerken?
Frieder Burda: Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Ich glaube, wenn man so wie ich über viele Jahre sammelt, so viele Bilder zusammengetragen hat, dann hat man doch ein Ziel. Kunstwerke in einem Museum zu zeigen, ist das Schönste, was einem Sammler passieren kann.
Frage: Wann haben Sie mit dem Sammeln begonnen und stand da schon der Gedanke dahinter, das Ganze irgendwann in ein Museum zu überführen?
Frieder Burda: Im Jahr 1968 habe ich mein erstes Bild gekauft, damals einen Fontana auf der ersten documenta, die ich besuchte. Ich erfreute ich an diesem Bild, obwohl ich keine Ahnung hatte, wer der Künstler war. Mir hat das Bild unheimlich gut gefallen, weil es so außergewöhnlich war: eine rote Leinwand mit langen Schlitzen drin. Das war der Beginn meiner Sammlung. Natürlich war ich auch vom Elternhaus motiviert durch den Vater, der sich mit vielen Bildern umgeben hat.
Frage: Das provoziert natürlich eine Nachfrage. 1968 und dann ausgerechnet ein Fontana, also ausgerechnet einem der Künstler, die mit am radikalsten das herkömmliche Tafelbild zerstört haben, indem sie physisch die Leinwand malträtiert, zerschlitzt, zerstochert haben. War das Zufall oder war das Abwendung von der elterlichen Kunstsammlung?
Frieder Burda: Ich glaube, es war nicht anderes als eine Demonstration. Ende der 60er Jahre waren ja die Unruhen, die Auflehnung gegen alles. Vielleicht war es meine Auflehnung gegen das Elternhaus. Mein Vater war ein konservativer Verleger, der Kunst sammelte aus seiner Zeit – deutscher Expressionismus. Ich wollte ihm mit dem Fontana zeigen, wie modern, wie radikal ich bin. Es war sicher eine Art von Protest gegen meinen Vater.
Frage: Modern sein, radikal sein – ist das heute noch ein Kriterium für Ihre Sammlertätigkeit?
Frieder Burda: Heute ist meine Sammlung viel weniger radikal als in der Anfangszeit. In der Zwischenzeit auch sehr stark expressionistisch geprägt, weil ich immer die Leidenschaft für die Farbe hatte. Ich bin aufgewachsen mit Bildern, die einen starken Ausdruck haben, expressiv sind. Das blieb mein ganzes Leben lang. Ich habe mich nie sehr für Popart interessiert, ich wollte eigentlich immer nur den Expressionismus. Alles in meiner Sammlung hatte immer die Faszination für Farbe und vor allen Dingen auch für die Malerei.
Frage: Ihre Sammlung spannt einen Bogen quer durch das 20.Jahrhundert.Sie gilt als eine der profundesten und qualitativ hochwertigsten gerade was die deutschen Nachkriegsmaler wie Georg Baselitz, Gerhard Richter oder Sigmar Polke angeht. Von den Expressionisten zu diesen Künstlern - ist das ein weiter Schritt oder ein kleiner?
Frieder Burda: Für mich war es ein sehr kleiner Schritt. Es sind alles Bilder, die auf eine Weise zusammenhängen. Zum Beispiel Baselitz ist sehr stark expressionistisch. Im Vergleich mit Beckmann oder Kirchner ist der Weg sehr nahe. Bei Richter und Polke ist es nicht unbedingt vergleichbar. Aber ich habe Richter sehr früh, Anfang der 80er Jahre, kennen gelernt. Ich war fasziniert von dem Maler, der ungeheuer präzise malen kann, der eine ganz neue Form auf die Leinwand brachte. Mit einem unglaublichen Wechsel in seinem ganzen Œuvre von der abstrakten zur realistischen Malerei. Ich bin heute sehr stolz, dass ich eine umfangreiche Richter-Sammlung mein eigen nennen kann.
Frage: Sie scheinen ein sehr feines Gespür für Qualität zu haben. Es gibt Künstler, die fehlen in dieser Sammlung. Immendorf beispielsweise, Josef Beuys. Muss Sie ein Bild auf Anhieb ansprechen, muss es Ihnen gefallen, was sind die Kriterien vom Ansehen zum Kauf zu gelangen?
Frieder Burda: Zunächst mal muss mich ein Bild ansprechen. Ich habe einige Gemälde, vor denen stand ich mit großem Herzklopfen. Das vergesse ich nie. Alle meine Bilder der Sammlung sind mir gegenwärtig. Ich kenne sie alle. Ich weiß auch bei den meisten Bildern, wann und wo ich sie erworben habe. Jedes Kunstwerk hat seine eigene Geschichte. Aber was mich bei Richter, Polke am meisten beschäftigt, ist die Qualität des Malens. Ich habe mit Beuys meine eigenen Probleme gehabt. Ich habe Beuys in seiner letzten Konsequenz nie ganz verstanden. Ich habe nie gewusst, was er eigentlich will, obwohl ich mich jahrelang mit seinem Werk beschäftigt habe. Ich habe einige gute Freunde, die Beuys sehr nahe standen. Dennoch: ich kam nicht hinter seine Kunst. Ich finde, man sollte auch als Sammler den Mut haben, nur das zu kaufen, was man auch wirklich mit dem Herzen will. Und Beuys hat mich einfach von der Emotion her nie fasziniert. Immendorf habe ich nie gekauft. Seine Malerei ist gut, für mich kam sie nicht in Frage. Sie hat mich nie so angesprochen, wie beispielsweise ein Polke
Frage: In Zeiten, in denen es den öffentlichen Kassen nicht so gut geht, sollte man meinen, dass so ein privates Engagement gefördert wird. Haben Sie Förderung durch die öffentliche Hand erfahren?
Frieder Burda: Ideell bin ich sehr unterstützt worden. Das Land Baden-Württemberg hat alles daran gesetzt, dass diese Sammlung im Land bleibt. Man hat mir spontan angeboten, neben der Staatlichen Kunsthalle hier in Baden-Baden ein Gebäude zu bauen. Dieses Gebäude wird von meiner Stiftung finanziert , sie trägt auch die späteren Folgekosten. Der Staat ist in keiner Weise gefordert. Ich bin dankbar, dass ich vielleicht den schönsten Platz für ein Museum bekommen habe. Mitten in einem der schönsten Parks in Deutschland, der Lichtentaler Allee. Ich werde alles dafür tun, dass der Neubau zusammen mit der Kunsthalle zu einem bedeutenden Zentrum für moderne Kunst wird.
Frage: Warum haben Sie sich für Baden-Baden entschieden? Sie hätten mit großer Sicherheit auch in viele andere Orte gehen können.
Frieder Burda: Ganz einfach: Ich bin hier zu Hause, ich lebe hier. Was gibt es schöneres, als meine Bilder um mich zu haben – wie die eigenen Kinder. Ich könnte nicht ertragen, dass meine Sammlung in München oder Berlin wäre. Ich kann zum Museum laufen. Das werde ich sicherlich mehrmals die Woche tun. Das entschädigt mich für vieles, was ich an Opfern für dieses Projekt erbracht habe.
Frage: Sie haben sich für einen der größten und weltweit wichtigsten Architekten, gerade für Museumsbauten, entschieden: den Amerikaner Richard Meier, der beispielsweise auch das Getty Center in Los Angeles gebaut hat. Was hat den Ausschlag für ihn gegeben?
Frieder Burda: Ich kenne Richard Meier seit Jahren. Er hat sehr viel Erfahrung und baut genau so, wie ich mir das vorstelle. Er baut sehr klar, sehr reduziert. Es wird sehr modern, sehr hell, sehr leicht. Das Museum schwebt. Außerdem gelingt es Richard Meier, die Architektur in die Umgebung so zu implantieren, dass Umgebung und Museum zu einer Einheit werden. Das ist mir das Wichtigste. Der Park kommt ins Museum und das Museum kommt in den Park.
Frage: Wie wird sich Ihr Museum von anderen unterscheiden?
Frieder Burda: Der große Unterschied ist, dass es meine persönliche Sammlung ist. Sie zeigt meinen Geschmack. Es wird auch bei den zukünftigen Ausstellungen immer etwas sein, was meinem Naturell entspricht. Die Malerei wird sehr wichtig sein. Wir sind doch sehr weit weg von der Videokunst und den Installationen der letzten 20 Jahre. Wir haben wieder Malerei - mehr als je zuvor. Das fasziniert mich. Ich bin wieder dabei, junge Kunst zu kaufen, darunter gibt es hervorragende Talente. Natürlich kann mir vorstellen, im ganzen Museum mal eine Ausstellung junger, deutscher Kunst zu präsentieren. Auch grenzüberschreitend – Frankreich und Deutschland, um zu sehen, wo sind die neuen malerischen Akzente. Wir wollen sehr eng mit Frankreich zusammenarbeiten. Außerdem haben wir einen wunderbaren Standort auf der Nord-Süd-Achse. Wir werden in der Mitte zwischen Frankfurt und Basel (mit dem ältesten Kunstmuseum auf der Welt) einen Standort entwickeln, der einen hohen Stellenwert für die zeitgenössische Kunst einnimmt.
Frage: Wenn das Museum eröffnet wird, ist Ihre Sammlertätigkeit damit beendet?
Frieder Burda: Nein, im Gegenteil. Im Augenblick bin ich ja voll engagiert bei der jungen Kunst. Das macht mir sehr viel Freude. Gerade in den vergangenen Monaten habe ich einige herausragende Arbeiten von jungen Künstlern gekauft. Man kann nie mit Sammeln aufhören. Sammeln kommt von innen heraus. Leidenschaft hört nie auf.
Das Interview basiert auf einem Gespräch von Stefan Koldehoff mit Frieder Burda für die Sendung „Kulturfragen“ im Deutschlandradio

