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Frieder Burda im Gespräch mit Jochen PoetterFriederBurdaimGesprächmitJochenPoetter

 

P  Sammlung Frieder Burda in der Kunsthalle Baden-Baden. Mit dieser Ausstellung hat eine wunderbare Liaison stattgefunden. Die Konstellation, auf der einen Seite eine private Sammlung, auf der anderen Seite ein öffentliches Ausstellungsinstitut, führte zu einer idealen Interessenverbindung. Die Struktur Ihrer Sammlung ist natürlich nicht identisch mit unserer Ausstellung, in der die Auswahl auf Gerhard Richter, Sigmar Polke und Arnulf Rainer gefallen ist. Auch wenn heute die intensive Einlassung auf diese drei Künstler ein spezifisches Charakteristikum bildet, so deckt dies nur einen Teil der Sammlung ab. Wie hat all das angefangen - wann hat sich bei Ihnen der Wunsch, Kunst zu sammeln, zu regen begonnen?

Zu Anfang war sie eigentlich auch für mich noch nicht sichtbar. Jeder Sammler hat irgendwann einmal mit einem ersten Bild begonnen. In meinem Falle muß ich vorausschicken, daß die Begeisterung für das Bild schon im Elternhaus angelegt war. Schon immer hat mich die Farbe angezogen und das führte zu dem Wunsch, Bilder zu kaufen. Mein Vater hatte im Laufe seines Lebens seine Sammlung nach intuitiven Kriterien aufgebaut und das gekauft, worauf er gerade Lust hatte, vorwiegend deutschen Expressionismus. Gleichzeitig pflegte er in den Nachkriegsjahren eine große Freundschaft mit Hans Kuhn, mit Curth Georg Becker am Bodensee, mit Werner Gilles, die alle auch bei uns verkehrten. Hans Kuhn war ein enger Freund meiner Eltern. Es gab damals eine starke "Bodensee Connection“ und es wurden viele Bilder gekauft, von Fritz Winter, Willi Baumeister und vielen abstrakten Nachkriegsmalern. Ich habe das damals miterlebt - ich bin 1936 geboren - und so entstand bei mir schon früh, ohne das ich es wußte, die Leidenschaft und der starke Bezug zum Bild. Zur Plastik hingegen habe ich einen schwereren Zugang. Die war mir häufig zu groß, zu erdrückend, oder mich störte die abweisende Härte des Materials, die eckigen Formen. Das Bild stand für mich immer im Vordergrund.
Mein allererstes Bild habe ich anläßlich eines Besuchs der documenta 1968 erworben, auf der ich mit sehr vielen, für mich damals neuen Dingen konfrontiert wurde. Vielleicht habe ich damals sogar schon Gerhard Richter gesehen, ohne zu wissen, welche Bedeutung er einmal für mich haben würde. Damals kaufte ich mir einen Lucio Fontana, ein rotes Bild, über dessen Bedeutung ich mir noch keineswegs vollständig im klaren war. Diesen roten Fontana fand ich so aufregend. Ich konnte damals und kann es auch heute noch nicht genau sagen, warum. Ich war einfach fasziniert. Vielleicht wollte ich mich auch von meinem Vater lösen, mich von seinem Geschmack distanzieren. Der Generationskonflikt spielt hierbei natürlich auch eine Rolle. Ich weiß noch genau, daß der Fontana damals dreieinhalbtausend Mark gekostet hat, eine Erwerbung, die für mich keineswegs ein einfaches Unterfangen war. Das Geld mußte man ja auch erst einmal haben. Ich war sehr gespannt auf die Reaktion meines Vaters, dem ich hiermit auch meine moderne Haltung unter Beweis stellen wollte. Im Stillen hatte ich gehofft, er würde ihn ablehnen, er würde entsetzt den Kopf schütteln. Aber er sagte nur "Ja, ganz interessant“. Dieses Bild hat eigentlich den Grundstock meines Bezuges zur modernen Malerei gelegt. Damals kaufte ich sehr viele unterschiedliche Bilder, vor allem zu den Amerikanern fühlte ich mich hingezogen. Zu jener Zeit wollte ich immer einen Jasper Johns, der war mir aber zu teuer. Auch Allan Jones hat mir gut gefallen. Amerika war für mich wichtig. Dann, in den 70er Jahren, kam mein Kontakt zu Andy Warhol, über die Porträts, die Bruno Bischofberger und Hans Mayer von unserer Familie machen ließ. Etwa zur gleichen Zeit entstand auch meine Leidenschaft zu Mark Rothko, von dem ich schon sehr früh ein Bild gekauft habe. Für mich hat gerade dieses Bild von Mark Rothko viel Verwandtes mit Lucio Fontana. Ich erinnere mich noch genau, es war 1975 als ich nach Baden-Baden zog, da hing sein Bild bereits in meiner Wohnung. Damals wurde ich von einem Besucher allen Ernstes gefragt, ob ich auf dieser Bildtafel Proben für die Wandfarbe hätte anlegen lassen. Ich wollte eigentlich gar nicht schockieren mit dieser Art von Kunst, aber ich wollte doch einen eigenen Weg demonstrieren, auch um zu zeigen, daß ich die Vorliebe meines Vaters nicht ungebrochen fortzusetzen gedachte. Mich faszinierte damals die breite Palette der amerikanischen Malerei, Jackson Pollock, Clyfford Still. Jahrelang bin ich hinter einem seiner Bilder hergelaufen. Auch Morris Louis, Willem de Kooning und Robert Motherwell fand ich gut. Weniger gefiel mir Roy Lichtenstein. Die Sammlung Ströher in Darmstadt, die ich oft besuchte, fand ich nicht nur aufregend, sie gab mir auch viele Anregungen.
In der Kunsthalle in Baden-Baden war 1968 eine Ausstellung mit Gerhard Richter und Günther Uecker, die ich mit meinem Bruder Hubert besucht habe. Dort hingen graue Bilder von Gerhard Richter und Nagelbilder von Günther Uecker. Gefallen haben uns diese Bilder nicht. Wir beide kamen damals in unserem Kunstverständnis sehr stark von der Farbe her und so muß diese Reaktion nicht überraschen. Dieses Verständnis des Bildes, wie es sich uns von Kindheit her eingeprägt hatte, war hier ja nicht wiederzufinden. Übrigens hatte ich auch durch meine Berufsausbildung als Drucker, worauf mein Vater großen Wert gelegt hatte, einen starken Bezug zum Handwerklichen und insbesondere zur Farbe. Aus heutiger Perspektive denke ich gerne an diesen kleinen Schock zurück und es gefällt mir durchaus gut, daß dies der erste bewußte Kontakt mit Gerhard Richter gewesen ist. Ich frage mich heute schon manchmal, warum ich eigentlich so spät auf Gerhard Richter aufmerksam wurde. Den Blick für seine Kunst habe ich eigentlich erst Mitte der 80er Jahre bekommen. Irgendwie fand ich bei Richter etwas, was mir schon an den Amerikanern so gut gefallen hatte, aber den eigentlichen Zugang erhielt ich über sein handwerkliches Können. Wenn mein Vater uns Kindern Bilder erklärt hat, was er immer gerne tat, besonders wenn er mit uns in die Museen ging, dann hat er dabei immer Wert auf das handwerkliche Können gelegt. Ich glaube, daß dieser Aspekt ein Grund für diese Einlassung auf Gerhard Richter war, denn das unterschied ihn auch deutlich von den abstrakten Malern im Deutschland der Nachkriegszeit und auch wiederum von den Amerikanern. Ab 1986 begann ich schließlich gezielt, Werke von Gerhard Richter zu sammeln, wobei mir die Vermittlungen und Anregungen von Herrn Jaeger-Booth sehr hilfreich waren. Die Hinwendung zu Sigmar Polke kam dann fast zur gleichen Zeit.

Um das noch einmal zusammenzufassen. Die Fokussierung und Konzentration auf Richter und Polke und später auf Arnulf Rainer erfolgte von Mitte der 80er Jahre an, während vorher ihr Hauptinteresse der amerikanischen Malerei galt. Aber Gerhard Richter war dann wohl der erste, für den Sie dieses neue Interesse an einer Kristallisation auf das Werk eines Einzelnen gefunden hatten. Wann haben Sie Gerhard Richter persönlich kennengelernt?

B  Gerhard Richter habe ich im Frühjahr 1987 getroffen, als er mich in Baden-Baden besuchte. Damals hatten wir den Gedanken entwickelt, für die Holding eine Arbeit in Auftrag zu geben. Aus diesem Grunde kam Gerhard Richter mit Isa Genzken hier vorbei. Dieser Besuch war die eigentliche Initialzündung, war der Katalysator all dessen, was daraus folgte.

P  Gibt es für Sie ein Spannungsverhältnis zwischen Werk und Künstler? Alle drei Künstler sind ja sehr unterschiedliche Temperamente. Wie sehen Sie diesen komplexen Spannungsbereich?

B  In den unterschiedlichen Temperamenten sehe ich ein sehr belebendes Element der Sammlung, da sie eine Spannung erzeugen. Ich möchte hier auf Gerhard Richter zurückkommen, den ich jetzt über viele Jahre kenne und mit dem ich eine gute Freundschaft aufgebaut habe, die mich in vielen Bereichen sehr befruchtet hat. Ich denke an die vielen Gespräche, die wir hatten, die auch sehr persönlich waren, über seine Anfänge als Maler zum Beispiel, seine Vorliebe für bestimmte Künstler. Über diese Gespräche entstand auch ein Bezug zu seinem Werk. Auch seine Ausstrahlung als Mensch spielt hierbei mit Sicherheit eine große Rolle. Alles zusammen hat mich letztlich veranlaßt, Bilder zu kaufen und die Sammlung weiter auszubauen. Einmal hatten wir die Gelegenheit, mehrere Bilder von Gerhard Richter als ganzes Konvolut zu erwerben. Die Intention, Gerhard Richter konzentriert zu sammeln, war hierdurch noch zusätzlich verstärkt worden. Es war ein wenig wie ein Zwang und ich will mich da auch gar nicht hervorheben als jemand, der im vollen Bewußtsein einen Jahrhundertkünstler für sich entdeckt hat. Gerade dieses angesprochene Konvolut in Verbindung mit den Arbeiten, die ich schon vorher gekauft hatte, erzeugte so etwas wie einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Der Zwang entstand eigentlich aus dem Bewußtsein, daß jetzt die Sammlung beginnt. Sie bekommt erst dann den Charakter einer Sammlung, wenn man nicht mehr für das Wohnzimmer kauft oder für das Boudoir der Frau ein hübsches Bildchen erwirbt. Eine Sammlung beginnt dann erst, wenn sie die Werke nicht mehr in ihr Wohnzimmer hängen können, weil sei entweder zu groß sind oder es zu viele geworden sind. Man beginnt sich zu fragen, was will ich eigentlich damit? Will ich Händler sein? Will ich investieren? Reizt mich die Wertsteigerung? Oder will ich eine qualitätvolle Sammlung aufbauen? Von da an führt der Weg von ganz alleine zu immer mehr Qualitätsbewußtsein. Man denkt darüber nach, was noch fehlt, wo wichtige Schwerpunkte zu setzen sind. Ich erinnere mich, wie ich einem Kerzenbild von Gerhard Richter, das nicht leicht zu bekommen war, nachgerannt bin und darum gekämpft habe.
Ich glaube, daß ich damals an einem Punkt angekommen war, an dem ich gar nicht anders konnte. Als beispielsweise vor kurzem die Möglichkeit auftauchte, dieses Streifenbild aus dem Jahre 1968 von Sigmar Polke zu kaufen, war für mich der Punkt erreicht, wo ich mir gesagt habe, ich brauche dieses Bild jetzt unbedingt für die Sammlung.
Man muß hier auch auf den Wert und den Preis der Bilder zu sprechen kommen. Beides kann man nicht trennen. Bei den heutigen Preisen der Bilder muß man die Entscheidung schon sehr ernst nehmen. Wenn ich einen Picasso oder de Kooning kaufe, dann sehe ich, ob ich will oder nicht, auch immer den Preis darin. Das mag ein Konflikt sein, aber man kann ihn, glaube ich, ganz gut einordnen, wenn man sein Ziel weiß. Indem ich diese Sammlung alleine aufbaue, geht es mir auch darum, ein Lebenswerk zu schaffen. Ich hatte das Glück, erfolgreiche Eltern zu haben. Nicht nur mein Vater war ein großer Verleger, meine Mutter nicht minder. Es war nach dem Tod meines Vaters meine alleinige Entscheidung, diesen vom Vater vorgegebenen Weg nicht zu gehen. Ich wäre dann nicht ich selbst gewesen. So konnte ich etwas Eigenständiges aufbauen, das unabhängig vom materiellen Wert etwas Besonderes war.

P  Die drei Künstler sind ja in etwa Ihre Generation. Erkennen Sie etwas Verwandtes in den Werken, daß vielleicht die Entscheidung für diese Künstler begünstigt haben könnte?

B  Ja. Natürlich kann ich mich mit diesen Künstlern meiner Generation leichter identifizieren. So hat Gerhard Richter beispielsweise von seiner Zeit in der DDR erzählt. Es war für einen Künstler eine schreckliche Zeit. So etwas ging uns natürlich alle an. Da ist einmal der Zeitgeist und da ist natürlich auch die persönliche Beziehung zu dem Maler. Alle diese Künstler drücken in unterschiedlicher Form die Zeit aus, in der sie leben. Sigmar Polke beispielsweise hatte einen ganz ähnlichen Werdegang, aber seine Kunst ist denkbar anders als die von Gerhard Richter. Gerade dieser Unterschied mag auch ein Grund dafür sein, warum ich mich so stark für Sigmar Polke interessierte. Sein Humor, diese Ironie, die ungeheure Neugierde und Experimentierfreudigkeit ließen mich ihn als einen vollkommen anderen Menschen erleben. Die vier Tage jetzt, die ich vor kurzem mit Sigmar Polke an der Côte d’Azur erleben durfte, waren unglaublich anregend. Diese Interessiertheit mitzuerleben, wie er mit zwei Kameras ununterbrochen hantierte und alles fotografierte was er sah, bis zur scheinbaren Belanglosigkeit eines tropfenden Wasserhahns. Er läßt sich in spielerischer Weise durch sein sprunghaftes Interesse zu direkten Handlungen verleiten und ist von einem nicht versiegenden Wissensdurst. Im Vergleich zu Gerhard Richter fällt mir das Verständnis für Sigmar Polkes Arbeitsweise schwerer. Da gibt es keinen Nenner, auf den die vielen Facetten seines Werkes zu bringen sind. Wenn ich nur an die Zeichnungen meiner Sammlung aus den frühen Jahren denke oder an die Malpappen, die wiederum so völlig anders sind als zum Beispiel die berühmten Reiherbilder, die sein ganzes malerisches Talent offenbaren. Diese Spannweite ist für einen Sammler wie mich faszinierend und das schlägt sich auch in der Komplexität der Sammlung nieder.

P  Hierin können wir vielleicht den Übergang von einer Sammlertätigkeit sehen, die sich auf das einzelne Bild konzentriert, zu einer stärker auf Vollständigkeit angelegten Form, die Sie gerade bei diesen drei Künstlern anstreben. Liegt darin auch ein gewisser archivarischer Zug?

B  Das steht ganz außer Frage. Es gibt eine Reihe von Bildern, die ich nur gekauft habe, weil sie im Sammlungszusammenhang einfach wichtig waren. Das geht nicht wohlgeordnet und chronologisch, sondern eher organisch, wobei auch eine Reihe von Nebenschauplätzen entstehen. Der Wunsch nach Vollständigkeit spielt vielleicht nur entfernt eine Rolle und ist ja auch nicht erreichbar. Aber das läßt sich kompensieren, indem man sagt, nein, ich will keine hundert Bilder, mir genügen dreißig, aber die müssen dann gut sein. Ich habe mich zum Beispiel sehr gefreut, als meine Bilder von Sigmar Polke das erste Mal in Frankfurt im Museum für Moderne Kunst anläßlich des "Szenenwechsel“ hingen und ich dann in der FAZ über diese Bilder meiner Sammlung die Bemerkung gelesen habe, sie seien "von erlesener Qualität“. Da wurde mir bewußt, wie wichtig die Anerkennung von außen sein kann. Das tut einem sehr gut. Denn man will ja schließlich Erfolg haben. Die öffentliche Anerkennung der Qualität der Sammlung ist die Bestätigung für jeden Sammler.

Es gibt ja unterschiedliche Charaktere unter Sammlern. Die einen sind reine Liebhaber, die anderen Archivare, denen es vorwiegend um Vollständigkeit, um Anhäufung und Ausbau geht, wieder andere sind Investoren, Spekulanten. Wie würden Sie sich sehen?

B  Zunächst würde ich sagen, es trifft von allem ein bißchen zu. Überwogen hat aber von Anfang an die Leidenschaft zum Bild. Das war eindeutig der stärkste Motor. Das war der Zünder. Ich kann das gut an dem Schwammrelief von Yves Klein belegen. Ich bin lange im Abteimuseum in Mönchengladbach davorgestanden, da ich wußte, daß es zum Verkauf steht. Es hat mich geradezu erregt. Es hat mich nicht losgelassen, ich hatte regelrecht Herzklopfen. Das ging mir ähnlich mit dem Stadtbild von Gerhard Richter, das im selben Museum hing. Für mich waren das große Erlebnisse, die haben mich vollkommen beherrscht. Ich bin nach Hause gefahren und habe nur noch an dieses Bild gedacht und ich habe es dann schließlich gekauft. Zu diesem Zeitpunkt war noch keine Sammlung dahinter und überhaupt keine Spekulation - vielleicht ist dieses Bild heute sogar etwas weniger wert, als der Preis, den ich damals dafür bezahlt habe - ich habe es zu einer Zeit gekauft, als die Preise schon sehr hoch waren. Aber so etwas bleibt eben nicht aus, wenn man etwas unbedingt haben will. An diesem Beispiel wird mir bewußt, daß ich überhaupt kein Spekulant bin. Um jetzt auf Ihre Frage zurückzukommen. Das war also nicht spekulativ und auch nicht archivarisch motiviert. Für mich war nur der Bezug zum Bild wichtig, und dieser Yves Klein gab mir etwas Besonderes.

P  Was ich gerade in diesem Gespräch heraushöre ist, daß es in einer solchen Sammlung auch um eine Symbiose geht zwischen dem , der sammelt, der einen sehr langen Entscheidungsprozeß durchmacht, bevor er sich zum Kauf entschließt und der Kunst selbst, die in einer bestimmten Konstellation steht: zur Person und zur Sammlungsstruktur. Der Sammlung unterliegt eine Genealogie, so etwas wie ein unverwechselbarer Stammbaum. Entspricht das auch den Erwartungen, die Sie an Ihre Sammlungstätigkeit knüpfen? Finden Sie sich in der Sammlung wieder?

B  Ja, ich glaube schon, daß es eine Symbiose gibt zwischen dem, was ich ganz persönlich will und erwerbe und dem, was nachher die gesamte Sammlung ausmacht. Denn man kann nicht ganz rational an die Sache herangehen, sozusagen lehrbuchmäßig, wie ein Architekt, Stufe für Stufe aufbauend, so daß sich alles trägt, da sind ja viele Ecken drin und das würde auch vielleicht gar nicht halten, weil zum Beispiel das Fundament nicht trägt. Aber das macht ja gerade eine Sammlung aus. Als ich mit Sigmar Polke über diese Ausstellung sprach, sagte er mir, daß er sehr an einer Gegenüberstellung mit Gerhard Richter interessiert sei. Schon von Anfang an hat er immer gesagt, so eine Ausstellung kann ungleich besser sein als eine konstruierte Gegenüberstellung, so wie man üblicherweise Ausstellungen macht, indem man sich aus dem riesigen Oeuvre die passenden Bilder heraussucht. Eine Sammlung hat zwar Schwächen, schöpft aber gerade daraus auch ihre Lebendigkeit.
Auch bei Arnulf Rainer haben wir mit einem Konvolut die Sammlungskonzentration begonnen. Hier entstand etwas ganz Interessantes. Gerhard Richter und Sigmar Polke waren schon da, wenn auch noch nicht so umfangreich wie jetzt, und dann kam plötzlich die Begeisterung für Arnulf Rainer durch einige Zeichnungen. Es begann damals mit meinem Wunsch, mich bei einem Künstler gerade auf Zeichnungen zu konzentrieren. Mir lag das Existentielle, etwas Provokante an diesen Zeichnungen. Das liegt auch den Van Gogh-Übermalungen zugrunde. Die eigentliche Begeisterung begann mit dem persönlichen Besuch bei Arnulf Rainer. Ich war spontan fasziniert von den Totenmasken, die ich bei ihm sah. Die haben mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte sie partout in die Sammlung übernehmen und dann folgten einige Ölbilder. Es begann also schon wieder der Drang zur Vervollständigung. Aber was bei dem Atelierbesuch bei Arnulf Rainer entscheidend war, was das Element der Farbe. Gerade diese düsteren Totenmasken in seinem Werk "Kistenwalhalla“ waren von einer bewegenden Farbigkeit mit dieser dicken, über die Köpfe geschmierten Farbmaterie. Es ging hier nicht um ein psychologisches Problem, das man hinter meiner Vorliebe für Abgüsse toter Gesichter vermuten könnte, sondern es ging um die sammlungsspezifische Überlegung, diesen Schwerpunkt bewußt zu setzen, als wichtigen Gegenpart zum Konvolut der Zeichnungen. Hätte ich die Totenmasken zum Beispiel gesehen, bevor ich diese Zeichnungen besessen hatte, so hätte ich jene möglicherweise gar nicht gekauft. Hier wird die Form des Wachstums der Sammlung besonders gut anschaulich. Das war etwa 1987/88.

Eine Sammlung steht immer zwischen den Polen von Privatheit und Öffentlichkeit, einer privaten Motivation und einem öffentlichen Anspruch. Wie sehen Sie sich selbst und Ihre Sammlung in diesem polaren Verhältnis?

B  Gerade in der Anfangsphase bleibt alles noch sehr privat. Ich habe ja über viele Gründe und Motive eben gesprochen. Irgendwann nimmt das Ganze dann einen Umfang an , der an die Öffentlichkeit muß. Darin liegt eine gewisse Zwangsläufigkeit. Außerdem freut man sich, wenn man für diese Tätigkeit auch Anerkennung bekommt. Der eine baut eine Unternehmen auf, der andere baut eine Sammlung auf, möchte aber natürlich auch Ansehen dafür, Bestätigung. Wenn er eine entsprechende Resonanz in der Öffentlichkeit findet, dann ist das eine starke Bestätigung für seine Leistung. Der Öffentlichkeit kommt hier eine wichtige Rolle zu. Das ist mehr, als wenn ein Privatmann einem ein Kompliment macht. Die Stunde der Wahrheit kommt immer erst dann, wenn das Ganze funktioniert und entsprechend von der Öffentlichkeit angenommen worden ist. In diesem Zusammenhang kann ich auch erwähnen, daß ich immer wieder den Gedanken eines Museums mit mir herumtrage. Da gibt es auch "private“ Formen, wie etwa die neueste Idee, in Südfrankreich ein kleineres Haus einzurichten, vielleicht mit einem Turrell innen und einem Skulpturengarten im Freien. Das ist eine Möglichkeit, die kann ich auch morgen wieder verwerfen. Das sind Prozesse, die sich in ständiger Wandlung befinden. So werden auch einige Bilder in öffentliche Sammlungen nach Hamburg, München und Berlin gehen.

P  Mit dem Heraustreten an die Öffentlichkeit erhält die Sammlung einen kulturellen Stellenwert. Jedes Museum, das ja einen kulturellen Anspruch erfüllt und damit auch einen erzieherischen Auftrag, basiert eigentlich immer auf privaten Initiativen von Sammlern. Hatten Sie auch das Ziel der Bewahrung und Vermittlung von Kultur bei der Einrichtung Ihrer Sammlung vor Augen?

B  Ich glaube, daß kann ich mit Ja beantworten. Zunächst kauft man Bilder, um sie zu behalten, also nicht mehr zu verkaufen. Darin liegt eine gewisse Endgültigkeit. Das ist also nicht spekulativ. Und dann gibt es ja für mich auch keine Möglichkeit, die Dinge zu vererben. Ich kann ja nicht, selbst wenn ich wieder heiraten sollte, was man nie ausschließen kann, diese weitervererben. Was geschieht dann damit? Würde die Frau meine Sammlung etwa verkaufen? Die Vorstellung wäre mir schrecklich. Ich sehe das ganz pragmatisch. Ich glaube, man kann nicht Bilder hinterlassen, wenn man keine Erben hat. Mein Vater hat gesagt, die Bilder gehören euch, ich finde es schön, wenn ihr dadurch an mich erinnert werdet, wobei ich sagen muß, daß seine Sammlung noch stärker diesen privaten Duktus hatte und weniger eine Sammlung war, für die die einzelnen Künstler bewußt retrospektiv gekauft wurden. Wenn also Spekulation ausscheidet, dann scheidet für mich auch das Vererben aus. Das ist natürlich bei anderen Sammlern wieder anders. Ich habe mir gesagt, irgendwann muß meine Sammlung einmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und das kann im Grunde genommen nur in Baden-Baden sein. Wenn ich damit in eine andere Stadt ginge, machte das keinen Sinn. Ich brauche den Bezug zur Stadt, ich habe mein Leben hier verbracht, also scheint es mir ganz normal, die Sammlung öffentlich zu machen. Wie weit ich vielleicht daran gedacht habe, etwas kulturell Wichtiges zu tun, erscheint mir nicht so wichtig. Für mich war die Überlegung viel stärker, daß es einfach gut ist, wenn die Öffentlichkeit an dieser Kunst teilnehmen kann. Wer weiß denn zum Beispiel hier in Baden-Baden etwas über Gerhard Richter und Sigmar Polke oder Arnulf Rainer? Das ist für viele sicher unverständlich. Aber wenn man damals im September 1995 im Israel Museum in Jerusalem diese vielen Leute erlebt hat - es waren gut viertausend Menschen zur Eröffnung der Richter-Ausstellung gekommen - wie die Anteil genommen haben, und ihre Begeisterung an den Bildern spürte, dann weiß man den Stellenwert der Öffentlichkeit einzuschätzen. Natürlich kann man eine solche Sammlung nicht ohne Geld aufbauen. Es gibt aber viele Menschen mit sehr viel mehr Geld, die gar nichts tun. Es geht hier nicht um irgendwelche materiellen Dinge, sondern um etwas Geistiges. Auch dem Zusammentragen von Kunst liegt ein gewisser kreativer Prozeß zugrunde. Bei dem Sammler Erich Marx ist mir das kürzlich aufgefallen. Seine bedeutende Sammlung ist auch sein Lebenswerk, das er ganz alleine geschaffen hat. Dies gilt auch für meine Sammlung. Natürlich habe ich dabei viele Anregungen erhalten, und gerade von Herrn Jaeger-Booth sind entscheidende Impulse ausgegangen, aber letzten Endes mußten mir die Dinge gefallen, die ich gekauft habe. Hinzu kommt, daß man sich im Laufe der Jahre auch weiter informiert, daß man ein sehr geschultes Auge und einen Blick für Qualität bekommt. Da all dies in dieser Ausstellung zum Tragen kommt, bedeutet sie für mich einen ganz entscheidenden Höhepunkt.

Dieses Interview wurde im Jahr 1996 geführt.