Ein Gespräch mit Frieder Burda anläßlich der Verleihung des Art-Cologne Preises 2002











Als Sammler wird man nicht geboren
Frieder Burda, Kaufmann und Mäzen, ART COLOGNE-Preisträger 2002
Auch kleinere bundesdeutsche Städte sind in der Lage, kulturell zu glänzen, wenn Privatinitiative ins Spiel kommt. Baden-Baden hat einen Bürger, der sich als Sammler und als Bauherr für die Stadt engagiert: Frieder Burda, Jahrgang 1936, hat in rund 25 Jahren Bilder und Skulpturen zusammengetragen, die jeden Kunstfreund das Staunen lehren. Inzwischen ist seine Kollektion, international eine der bedeutendsten in Privatbesitz, auf rund 500 Einzelwerke angewachsen. Er macht sie der Öffentlichkeit zugänglich und baut dafür ein Museum, dessen Errichtung rund 15 Millionen Euro kosten wird. Für Frieder Burdas Verdienste um die Kunst ehren ihn der Bundesverband Deutscher Galerien und die KölnMesse mit dem von ihnen gestifteten ART COLOGNE-Preis. Die Auszeichnung nimmt der Preisträger während der diesjährigen ART COLOGNE entgegen.
Frage: Herr Burda, welchen Beruf geben Sie auf Ihrer Steuererklärung an?
Frieder Burda: Kaufmann.
Frage: Priorität hat in Ihrem Berufsleben wohl das Unternehmerische gehabt. Wird man Unternehmer aus Begabung und Leidenschaft oder aufgrund familiären Drucks, einer schicksalhaften Fügung?
Frieder Burda: Ich würde von schicksalhafter Fügung sprechen. Ich bin in einem Elterhaus aufgewachsen, das vom Geist des Unternehmertums geprägt war. Meine Mutter gründete 1948 den Verlag Burda-Moden, mein Vater war von Hause aus Drucker und Verleger. Damit stand für mich und meine beiden Brüder fest, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und sein Lebenswerk fortzusetzen. Kurzum: Unternehmer zu werden, ist in meinem Falle die Bestimmung durch das Elternhaus.
Frage: Der Unternehmer ist zuallererst der Erfinder von Arbeit, Existenzen und Arbeitsplätzen. Gehört dazu auch ein hohes Maß an Kreativität?
Frieder Burda: Unternehmer ohne Kreativität gibt es grundsätzlich nicht. Er denkt zunächst an das, was er schaffen will. Die Arbeitsplätze entstehen erst danach. Wer eine Vision hat, will sie realisieren, und dazu braucht es Kreativität.
Frage: Einst war der Begriff Arbeit mit Fron und Ausbeutung verbunden. Das hat sich angesichts ihrer Verknappung und der damit einhergehenden hohen Arbeitslosigkeit völlig geändert. Ist Arbeit demnach nur noch ein Glücksfall oder gründet sie vor allem auf Identifikation und Erfüllung?
Frieder Burda: Arbeit ist eine ganz wichtige Voraussetzung für Erfüllung. Es muß natürlich eine Arbeit sein, die Freude macht. Durch die Kreativität und durch die Freude, kann überhaupt erst etwas entstehen. Ich gehöre zu den Menschen, die ihr ganzes Leben lang dadurch Erfüllung haben, daß ihnen das, was sie machen, Freude macht.
Frage: In Ihrem Leben hat seit früher Jugend Kunst eine wichtige Rolle gespielt. War sie eine Art beglückender Kompensation Ihrer beruflichen Verantwortung und Verpflichtungen?
Frieder Burda: Beglückend war der Umgang mit Kunst nicht von Anfang an. Bis 1986 war ich sehr aktiv im Unternehmen meines Vaters, als Leiter der kaufmännischen Verwaltung und der Finanzen. Nach dem Tode meines Vaters 1986 habe ich mich zusammen mit meinen Brüdern Franz und Hubert sehr schnell entschlossen, das väterliche Erbe aufzuteilen, weil wir der Meinung sind, daß ein Verlag zu Dritt schwer zu führen ist. Zu dieser Zeit habe ich allmählich begriffen, daß meine Leidenschaft bei der Kunst, bei den schönen Dingen liegt. Ich habe mich mit der Kunst so stark beschäftigt, daß daraus eine Obsession wurde.
Frage: Durch Ihr Elternhaus sind Sie an die Kunst herangeführt worden. Sehr oft laufen die Interessen von Eltern und Kindern diametral auseinander. Hat Sie die Freude am Sammeln seitens Ihrer Eltern derart gepackt, daß Sie selbst gar nicht anders konnten, als diese Passion zu pflegen?
Frieder Burda: Hier muß man doch unterscheiden. Grundsätzlich liegen die Wurzeln meines Sammelns im Elternhaus. In einem Haus aufzuwachsen, in dem es wunderbare Bilder gibt, bleibt etwas haften, was sich später herauskristallisiert. Ich erinnere mich an Worte meines Vaters, der, wenn er von einem wichtigen Besuch bei großen Kunden nach Hause kam, oft enttäuscht beklagte: Das ist ein Haus ohne Bilder! Der Funke des Sammelns ist von meinen Eltern auf mich übergesprungen. Die Leidenschaft allerdings kommt mit der Zeit. Ich glaube nicht, daß die Sammelleidenschaft genetisch bedingt ist. Sie wird kreiert, sie wächst mit dem Sammeln. Und es erwächst eine Sammlung, ohne daß man es merkt.
Frage: 1968 kauften Sie Ihr erstes Bild, ein Schnittbild von Lucio Fontana, eine ziemlich kühn anmutende Entscheidung, ein Bekenntnis zur damaligen Avantgarde...
Frieder Burda: Mich hat das Bild fasziniert durch das total Neue. In meinem Elternhaus gab es Kirchner, Beckmann, Dufy, Nolde und vieles mehr, und nun sehe ich auf einmal etwas ganz Avantgardistisches, ein Bild mit drei Schlitzen. Ich war damals 32 Jahre alt und wollte auch dem Vater zeigen, wie modern ich bin. Ich kam mit dem Bild nach Hause in der Erwartung, mein Vater würde mich für verrückt erklären. Er reagierte völlig anders. Er schaute sich das Bild lange an, beschied, daß es nicht auf seiner Linie liege, aber er hielt es für beachtlich. Wörtlich: Es ist nicht uninteressant.
Frage: War es ein Spontankauf, dessen Folgen Sie damals noch nicht absehen konnten?
Frieder Burda: Sie waren überhaupt nicht absehbar. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich wieder ein Bild kaufte. Anfang der siebziger Jahre hatte ich Kontakt mit Thomas Ammann in Zürich, schloß mit ihm eine gute Freundschaft. Thomas Ammann hat viel getan, um meine Begeisterung für die Kunst zu fördern.
Frage: Hat Sie der Purismus konkreter Kunst, der Minimalismus geraume Zeit beschäftigt oder haben Sie Ihre Fühler gleichzeitig in andere Sparten ausgestreckt, zu den Expressionisten Beckmann, Kirchner, Lehmbruck, Macke, die eines der Fundamente Ihrer Sammlung bilden?
Frieder Burda: Mit dem Minimalismus habe ich mich nur ganz kurz beschäftigt, eigentlich konzentriert auf das aufregende rote Bild, mit den drei Schnitten. Ich bin sehr schnell dort hingekommen, wo ich herkomme, ich meine den Expressionismus. Macke und Kirchner habe ich aus der Sammlung meines Vaters übernommen. Ich habe dann weitere expressionistische Arbeiten etwa von Beckmann und Lehmbruck hinzugekauft. Zuvor erwarb ich über Thomas Ammann Bilder von Rothko, Pollock und Francis.
Frage: Ein Tribut an Amerika?
Frieder Burda: Mit Sicherheit nicht. Mich beschäftigen überhaupt keine nationalistischen Tendenzen. Es war die Faszination für Farbe. Ich habe mich nie für die Pop-Art interessiert. Nur am Rande bin ich an Warhol interessiert. Vor kurzem habe ich ein wunderbares Adolf Gottlieb-Bild erworben, das eine herrliche farbliche Ergänzung zu Clyfford Stills Gemälde in meiner Sammlung ist.
Frage: Und irgendwann kauften Sie Spätwerke von Picasso, die lange Jahre von der Gunst der Sammler ausgeschlossen waren...
Frieder Burda: Picasso ist für mich der größte Künstler des 20. Jahrhunderts. Mitte der 80er Jahre kaufte ich mein erstes Picasso-Bild. Irgendwann fühlte ich mich vom Spätwerk angezogen. Der späte Picasso malt expressionistisch. Ich entdecke bei ihm eine starke Nähe zu Beckmann. Was es im Grunde war, was mich am späten Picasso fesselte, weiß ich nicht. Ich reagiere als Sammler grundsätzlich intuitiv.
Frage: Sie erwarben umfangreiche Werkgruppen von Baselitz, Schönebeck, Rainer, Richter und Polke. Ist dieser Schulterschluß mit Künstlern Ihrer Generation ein reiner Akt von Solidarität oder Überzeugung von der Qualität dieser Malerei?
Frieder Burda: Es geschieht aus reiner Überzeugung. Natürlich liegt es auch auf der Hand, sich mit Künstlern der eigenen Generation stärker zu identifizieren als mit den anderen
Frage: Es macht stutzig, daß Beuys bei Ihnen fehlt...
Frieder Burda: Ich habe ihn als Mensch abgelehnt, was ganz tiefe Ursachen hat. Auf der documenta 1972 polemisierte Beuys eindeutig gegen Springer, rief zu dessen Enteignung auf. Das hat mich abgestoßen. Ich fühlte mich solidarisch mit Springer, an dessen Verlag wir später beteiligt waren. Enteignung Springers bedeutete Sturz des Systems. Gleichzeitig verkehrte Beuys in sehr feinen gesellschaftlichen Zirkeln. Ich war derart entsetzt, daß ich von Beuys nie mehr etwas wissen wollte. Vielleicht habe ich ihn nicht richtig verstanden, weil ich mir keine Mühe gegeben habe.
Frage: Hat sich Ihre Einschätzung geändert?
Frieder Burda: Nein.
Frage: Ein weiterer Name taucht nicht in der Sammlung auf - Anselm Kiefer...
Frieder Burda: Ich komme zur Kunst als reiner Selfmade-Sammler, habe mich mit der Geschichte der Kunst im Selbststudium vertraut gemacht. Kunstbücher sind heute meine Hauptlektüre. Kiefer schätze ich. Er ist ein ganz bedeutender Künstler unserer Zeit. Aber ich habe ihn und Beuys nie richtig verstanden. Kiefer kommt mir zu wenig aus dem Malerischen heraus, ist stark vom Kopf gesteuert, nahe bei der Literatur. Deshalb paßt er nicht in den Rahmen, den ich mir mit Richter, Polke, Baselitz und den anderen Vollblutmalern gesteckt habe.
Frage: Wer Mittel und unbeschränkte Möglichkeiten hat, steht in der Gefahr, rein nach Gefallen uferlos hinzuzukaufen. Wann leuchtete Ihnen ein: ein Sammlungskonzept muß her!?
Frieder Burda: 1992 spielte ich mit den Plänen, im südfranzösischen Mougins ein Museum zu bauen. Bis dahin hatte ich ohne jegliches Konzept, allein aus Intuition gekauft und gesammelt. Die Sammlung wuchs und wuchs, und ich hatte kein Ziel. Bilder zu sammeln, um sie später gewinnbringend zu verkaufen, lag mir fern. Der Gedanke an ein Museum veranlaßte mich, die Sammlung zu ordnen, zu ergänzen, zu strukturieren. In den vergangenen zehn Jahren habe ich verstärkt Baselitz gekauft. Bis 1992 besaß ich kein einziges Bild von ihm, hatte mich konzentriert auf Richter, Polke und Arnulf Rainer. Heute besitze ich zwölf wichtige Werke von Baselitz, darunter sehr frühe. Ich schrieb 1992 an Baselitz, ich plane ein Museum, besäße viele Bilder von wichtigen deutschen Künstlern der Nachkriegszeit und stelle nun fest, mein Museum ohne Baselitz das gehe nicht! Ich teilte ihm dezidiert mit: Jetzt beginne ich Baselitz zu sammeln. Inzwischen haben wir eine gute Bekanntschaft.
Frage: Mougins ist einer Ihrer Lebensmittelpunkte. Mougins ist leer ausgegangen, Ihr Museum entsteht in Baden-Baden. Hätte es nicht auch eine große Metropole sein können?
Frieder Burda: Aus heutiger Sicht nein. Es gab eine Zeit, da wurde mir nahegelegt, an den Hamburger Bahnhof einen Flügel für meine Sammlung anzubauen. Das hat sich Gott sei Dank nicht realisiert. Die Chance, in diesem wunderschönen Park an die Kunsthalle in Baden-Baden anzubauen, ist einmalig. Als das möglich war, habe ich alles andere fallenlassen. Die Baden-Badener Kunsthalle, eine bekannte Institution mit großer Tradition, und mein Museum verbinden staatlichen Kunstbetrieb und Privatinitiative, ein Symbiose, die alle Möglichkeiten eröffnet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein Museum bauen würde ohne die Anbindung an eine andere große Institution. Isoliert würde es wahrscheinlich weder in Düsseldorf, Karlsruhe oder in Berlin funktionieren. Die Großstädte haben ein ungeheures Angebot, dem ein weiteres Museum mit der gleichen Kunst hinzuzufügen, halte ich für nutzlos. Für Baden-Baden ist die Sammlung eine große Bereicherung.
Frage: Ihr Freund Richard Meier hat das neue Gebäude entworfen. Halten Sie ihn für einen geeigneten Museumsarchitekten?
Frieder Burda: Meine Freundschaft mit Richard Meier geht auf viele Jahre zurück. Meine Entscheidung ist kein Freundschaftsdienst, sondern geht auf Überzeugung zurück. Ich konnte in Baden-Baden nur mit Richard Meier Erfolg haben. Ich habe einige Jahre bis zur Baugenehmigung gebraucht. Die Mehrheit der Bevölkerung will dieses Museum. Richard Meier hat sich von der Stadt inspirieren lassen. Er bezieht die Natur, die Parklandschaft mit ein. Von mal geplanten 30 Bäumen müssen vielleicht vier, fünf für den Neubau gefällt werden. Es wird ein Museum werden, was vollkommen modern und 100prozentig brauchbar ist. Meiers schönste Bauten sind Wohnhäuser und kleinere Funktionsbauten. Die Leute werden diese Architektur schätzen, davon bin ich überzeugt.
Frage: Es ist eine Seltenheit, daß ein Sammler zum Kunstgeschenk noch die Finanzierung eines Museumsbau draufsattelt...
Frieder Burda: Ich möchte mich und meine Sammlung von niemand abhängig machen. Der Bau eines eigenen Museums hat den einzigen Hintergrund, ein Lebenswerk zu hinterlassen, was für die Bürger der Stadt und darüber hinaus eine Bedeutung hat. Ich habe eine gemeinnützige Stiftung öffentlichen Rechts gegründet, die mein Erbe übernimmt und verantwortlich ist für das Museum. Zudem wollte ich meiner Wahlheimatstadt Baden-Baden etwas zurückgeben, weil ich viel von ihr bekommen habe. Es soll von mir etwas bleiben, was mich überdauert.
Frage: Lassen Sie sich als Sammler beraten oder verlassen Sie sich allein auf Ihr Urteil?
Frieder Burda: Ohne Beratung geht es nicht. Ich habe eine ganze Reihe von guten Freunden und Beratern, die mir helfen bei der zukünftigen Ausrichtung meiner Sammlung. Ich hole mir Rat bei Werner Spies und Götz Adriani und bei vielen anderen, denen ich verbunden bin. Ich frage gelegentlich auch meine Künstlerfreunde. Die Kaufentscheidung treffe ich ganz alleine. Alle Bilder habe ich spontan, emotional gekauft. Vor einigen hatte ich starkes Herzklopfen, was die Kaufentscheidung erheblich erleichtert. So werde ich es auch in Zukunft halten.
Frage: Ihre Sammlung bildet eine Galerie der ganz Großen. Gedenken Sie sie durch junge Kunst zu erweitern?
Frieder Burda: Ich will die Sammlung mit diesen wichtigen Künstlern nicht unbedingt weiter vergrößern. Wenn der Neubau Sammlung Frieder Burda steht, dann möchte ich versuchen, mich neuen Trends zu öffnen, junge Künstler zu sammeln. Es macht keinen Sinn, weitere Richter- oder Polke-Bilder zu kaufen, nachdem ich aus allen Schaffensphasen weit mehr davon besitze, als das Museum auf einmal zeigen kann.
Frage: Beziehen Sie Galerien grundsätzlich mit ein oder kaufen Sie auch auf Auktionen und in Künstlerateliers?
Frieder Burda: Ich habe bei fast allen großen deutschen Galerien wie Michael Werner, Gmurzynska, Grewe, Mayer, Jahn, bei ausländischen wie Ammann, Beyeler, Pace Wildenstein Goodmann, d´Offay gekauft. Ich kaufe auf Versteigerungen in begrenztem Maße. In Ateliers habe ich kaum etwas erworben. Mein Freund Richter verkauft ausschließlich über den Handel. Das respektiere ich und unterstütze es. Es gibt den Kunsthandel, und es ist nicht mehr als gerecht, als bei ihm zu kaufen.
Frage: Die ART COLOGNE ehrt Sie mit dem alljährlich an verdiente Persönlichkeiten im Kunstgeschehen verliehenen gleichnamigen Preis. Was verbinden Sie mit der Auszeichnung?
Frieder Burda: Eigentlich lehne ich Ehrungen und Titel ab. Diese Auszeichnung in Köln nehme ich aber gerne an. Man ehrt mich sicher deswegen, weil ich zu denen gehöre, die mit Unterstützung von Galerien eine Sammlung aufgebaut haben

