Hat man sich als Besucher mit Matta in der Ausstellung des Museum Frieder Burda chronologisch vom Frühwerk im Obergeschoß bis zum Spätwerk im großen Saal beschäftigt, könnte man „Explosant-fixe“ aus dem Jahre 1974 als Synthese all dessen erleben, was man in seinen Bildern schon entdeckt hat: die Farben Rot, Gelb und Blau – die in den fließend gemalten, dem Surrealismus verbundenen inneren Seelenlandschaften – den morphologies psychologiques, wie der Künstler seine frühe Serie betitelte, vorherrschen. Fließend, neblig und verschwommen wirken die Bildhintergründe bei ihm immer, da er mit einem Schwamm zunächst Farben auf die Leinwand aufträgt und dann erst den Vordergrund eher zeichnerisch mit technisch anmutenden Motiven aus dem Weltraum, aus der Astronomie, aus der Wissenschaft, vor allem aber aus der Architektur bestückt.
Daher rührt hier wohl auch der Titel, ein Wortspiel in surrealistischer Art, der fast paradox wirkt: „explosant“ - in Bewegung, ja sogar explodierend und „fixe“ – fest.
Mattas langjähriger Küntlerfreund und Vorbild Marcel Duchamp meinte, dass die Wirklichkeit sich nur durch permanente Veränderung abbilden lasse. Das Statische zu überwinden und Prozesse künstlerisch darzustellen war revolutionär in der Malerei. So verstärkt der Gegensatz von zerfließender Farbenexplosion und Unschärfe und von gezeichneten, statisch wirkenden Elementen den Eindruck von Bewegung und Verwandlung.
Matta hatte in Chile das Studium der Architektur absolviert. Der Ausgangspunkt in seinen Bildern ist die Zeichnung, mit der er Räume erfasst und in den Farbraum erweitert. Es entstehen abstrakte Raumsysteme aus Linien und geometrischen Formen und Flächen, die hier wie trapezförmige Platten auf unterschiedlichen Ebenen angeordnet sind ohne erkennbare Zentralperspektive. Weiße, kreisförmige Linien breiten sich wie Schallwellen aus – Mattas Faszination für Technik graphisch umgesetzt.
Explosant- fixe nimmt Bezug auf die künstlerischen Anfängen Mattas im Kreise der Surrealisten, deren Begründer, André Breton in seiner Erzählung „L’amour fou“ von 1937 den paradoxen Zustand von berstend-starr beschreibt. Der in Baden-Baden lebende französische Komponist Pierre Boulez hatte sich auch von Bretons Erzählung für seine mehrmals umgeschriebene, sich also in Veränderung befindende Komposition Explosant –fixe 1971 inspirieren lassen. Und sogar in der Fotografie fand sie ihren Niederschlag – Man Ray, Brassaï und Dora Maar hatten die Originalausgabe von Bretons Buch illustriert.
Brigitte von Stebut
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